Cloud, On-Premises oder hybride Betriebsmodelle – bei ERP- und MES-Systemen in der Fertigungsindustrie gibt es keine pauschalen Antworten. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, ihre IT-Landschaften zukunftssicher weiterzuentwickeln, ohne die Stabilität der Produktion zu gefährden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Sicherheit, Skalierbarkeit und Integrationsfähigkeit. Im MIDRANGE-Interview erläutert Uwe Zuchold (Leiter Forschung, PSI Software SE | Business Unit Discrete Manufacturing), welche Faktoren bei der Wahl des passenden Betriebsmodells entscheidend sind, warum hybride Ansätze häufig die sinnvollste Lösung darstellen und wie Unternehmen den Weg in die Cloud schrittweise und risikoarm gestalten können.
Warum greift die Frage „Cloud oder On-Premises?“ bei ERP- und MES-Systemen in Fertigungsunternehmen heute oft zu kurz?
Bei ERP und MES geht es heute weniger um eine reine Standortfrage als um die passende Balance zwischen Stabilität, Weiterentwicklung und Betriebsaufwand. Fertigungsunternehmen müssen dabei Zukunftsfähigkeit, Security, Release-Fähigkeit und Skalierung ebenso berücksichtigen wie die operative Realität im Werk. Denn ERP und MES greifen tief in Produktionsabläufe ein. Ein einfaches Entweder-oder passt deshalb oft nicht. Gefragt ist ein Betriebsmodell, das die Anforderungen der Produktion mit der übergeordneten IT-Strategie verbindet.
Welche besonderen Anforderungen unterscheiden ERP- und MES-Systeme von anderen Unternehmensanwendungen, wenn es um den Betrieb in der Cloud geht?
Der Unterschied liegt vor allem in der direkten Verbindung zur Produktion. ERP und MES unterstützen zentrale Abläufe zwischen Planung und Shopfloor. Über diese Systeme laufen zum Beispiel Materialfluss, Rückmeldungen und Terminsteuerung. Wenn es dort zu Latenzen, Release-Effekten oder Schnittstellenproblemen kommt, beeinträchtigt dies in der Regel sofort den laufenden Betrieb. Genau deshalb braucht die Cloud-Nutzung hier eine besonders sorgfältige Prüfung.
Unter welchen Voraussetzungen können Cloud- und SaaS-Modelle in der diskreten Fertigung ihre Vorteile am besten ausspielen?
Gut funktioniert das dort, wo Unternehmen bereits eine gewisse strukturelle Klarheit haben. Also dort, wo Prozesse im Standard laufen und sich einzelne Module oder Funktionen gut abgrenzen lassen. Dann können Updates planbarer erfolgen, neue Funktionen schneller genutzt und Betriebsaufgaben besser gebündelt werden. Wichtig ist außerdem, dass Schnittstellen, Datenflüsse und Rollen vorab klar geregelt sind.
Welche Rolle spielen Standardisierung und Individualisierung bei der Entscheidung für ein bestimmtes Betriebsmodell?
Das ist sicherlich einer der wichtigsten Punkte in der Abwägung. Wenn Prozesse und auch Anpassungen im Standard laufen, wird ein cloudnahes Modell deutlich realistischer. Je mehr individueller Code, Sonderlogiken und historisch gewachsene Abhängigkeiten vorhanden sind, desto höher wird der Aufwand. Dann geht es weniger um die reine Betriebsform als um die Frage, wie gut sich Releases, Integrationen und Security dauerhaft steuern lassen.
Wie verändert sich die Aufgaben- und Verantwortungsverteilung zwischen Anwenderunternehmen und Anbieter beim Wechsel zu SaaS?
Mit SaaS gibt das Unternehmen einen Teil des technischen Betriebs an den Anbieter ab. Das kann interne IT-Teams spürbar entlasten. Gleichzeitig kann sich das Anwenderunternehmen nicht einfach zurückziehen. Rollen, Serviceprozesse, Releases, Eskalationen und Schnittstellen müssen sogar besonders sauber geklärt sein. Denn sonst entstehen genau dort neue Reibungsverluste, wo SaaS eigentlich vereinfachen soll.
Warum setzen viele Fertigungsunternehmen auf hybride Betriebsmodelle statt auf einen vollständigen Umstieg in die Cloud?
Für viele Fertigungsunternehmen ist ein kompletter Wechsel schlicht zu groß gedacht. Die bestehenden ERP- und MES-Landschaften sind oft sehr eng mit der Produktion, mit Maschinen und mit vielen Schnittstellen verzahnt. Deshalb ist es sinnvoller, genau zu prüfen, was lokal betrieben werden muss und was sich gut und sinnvoll in Richtung Cloud entwickeln lässt. Hybride Modelle bieten dafür einen pragmatischen Weg. Sie verbinden Stabilität im Werk mit der Möglichkeit, weniger kritische Funktionen Schritt für Schritt in der Cloud abzubilden.
Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich bei der Cloud-Nutzung von MES-Systemen, die direkt mit der Produktion verbunden sind?
Gerade beim MES wird sichtbar, warum viele Unternehmen nicht alles in die Cloud verlagern. Das System verarbeitet Rückmeldungen aus der Fertigung und ist eng mit Maschinen- und Prozessdaten verbunden. Bei zeitkritischen Abläufen wie Rückmeldungen, Steuerung oder kurzfristigen Reaktionen auf Ereignisse zählt jede Verzögerung. Solche Funktionen werden deshalb häufig On-Premises betrieben. Aufgaben wie Reporting, Transparenz über mehrere Standorte oder Auswertungen lassen sich dagegen gut in der Cloud abbilden.
Warum sind Integrationen und Schnittstellen häufig der entscheidende Erfolgsfaktor bei der Weiterentwicklung von ERP- und MES-Landschaften?
Hier schließt sich der Kreis zu den vorherigen Punkten. Je modularer eine ERP- oder MES-Landschaft wird und je stärker einzelne Funktionen in Richtung Cloud gehen, desto wichtiger wird die Architektur dahinter. Denn beide Systeme stehen nicht für sich, sondern sind mit Planung, Qualitätssicherung, Instandhaltung, Shopfloor-Systemen, Datenplattformen und Drittsystemen verbunden. Deshalb zeigt sich gerade an den Schnittstellen, ob eine Weiterentwicklung im Alltag funktioniert. Welche Daten müssen wann wohin fließen? Welche Anbindungen sind zeitkritisch? Wer reagiert bei Störungen? Und welche Schnittstellen müssen auch nach Releases zuverlässig funktionieren? Wenn diese Fragen nicht sauber geklärt sind, kann eine technische Entlastung schnell neue Komplexität erzeugen.
Nach welchen Kriterien sollten Unternehmen bewerten, welche Anwendungen oder Funktionen sich für eine Verlagerung in die Cloud eignen und welche nicht?
Unternehmen sollten prüfen, wie produktionsnah eine Anwendung ist, welche Folgen eine Störung hätte, wie sensibel die Daten sind und ob die Funktion von Skalierung, zentraler Bereitstellung oder regelmäßigen Updates profitiert. Gute Cloud-Kandidaten sind klar abgegrenzte Aufgaben mit geringer Echtzeitnähe und überschaubaren Abhängigkeiten. Vorsichtiger sollte man bei Funktionen sein, die direkt in Steuerung, Rückmeldungen oder Materialfluss eingreifen.
Wie können Unternehmen einen schrittweisen und risikoarmen Weg in Richtung Cloud gestalten, ohne die Stabilität ihrer Produktionsprozesse zu gefährden?
Der Weg in Richtung Cloud sollte und kann oft auch gar nicht mit einem großen Schnitt beginnen. Sinnvoll ist, zunächst die bestehende Landschaft zu ordnen. Unternehmen sollten prüfen, welche Module kritisch sind, welche Schnittstellen für den laufenden Betrieb besonders wichtig sind und wo Verantwortlichkeiten noch klarer geregelt werden müssen. Danach lassen sich einzelne Funktionen auswählen, die fachlich gut abgegrenzt sind und die Produktion nicht unmittelbar beeinflussen.
Vielen Dank für das Interview!
Quelle: PSI
