Künstliche Intelligenz liefert in vielen Anwendungsfällen beeindruckende Ergebnisse. Doch gerade bei komplexen Entscheidungen stellt sich die Frage, ob sich den Resultaten tatsächlich vertrauen lässt. Entscheidend ist dabei weniger die Geschwindigkeit als die Nachvollziehbarkeit der Entscheidungswege. Warum erklärbare KI zu einer zentralen Voraussetzung für den Unternehmenseinsatz wird, erläutert Datenanalyse- und KI-Experte Michael Berthold.
Künstliche Intelligenz analysiert heute in wenigen Sekunden Datenmengen, für deren Auswertung Menschen oft deutlich mehr Zeit benötigen. Gleichzeitig liefern moderne KI-Systeme häufig Erklärungen für ihre Ergebnisse, die schlüssig und überzeugend wirken. Das allein schafft jedoch noch kein Vertrauen. Denn eine plausible Begründung ist nicht zwangsläufig identisch mit dem tatsächlichen Entscheidungsprozess.
Ein Beispiel verdeutlicht dieses Problem: Eine KI sollte den Aufnahmeort eines Bildes bestimmen. Das System nannte den Ort und begründete die Entscheidung ausführlich mit Objekten, Lichtverhältnissen und weiteren Bildmerkmalen. Bei einer späteren Überprüfung zeigte sich jedoch, dass die KI lediglich die Ortsinformationen aus den Metadaten des Bildes ausgelesen hatte. Die zuvor gelieferte Erklärung entsprach somit nicht dem tatsächlichen Ablauf der Analyse.
Gerade diese Diskrepanz zwischen überzeugender Erklärung und tatsächlicher Entscheidungsfindung macht den produktiven Einsatz von KI anspruchsvoll. Unternehmen müssen daher nicht nur die Qualität eines Ergebnisses bewerten, sondern auch dessen Nachvollziehbarkeit.
Warum Vertrauen in KI anders entsteht
Vertrauen zwischen Menschen entwickelt sich in der Regel durch Erfahrungen, Transparenz und einen offenen Umgang mit Unsicherheiten. Genau an diesen Punkten stoßen heutige KI-Systeme häufig an ihre Grenzen.
Ein wesentlicher Grund ist das sogenannte Black-Box-Problem. Viele Verarbeitungsschritte moderner KI-Modelle bleiben selbst für Fachleute nur eingeschränkt nachvollziehbar. Dadurch ist oftmals nicht transparent, auf welcher Grundlage eine Entscheidung getroffen wurde.
Hinzu kommt, dass KI-Systeme fehlerhafte Antworten häufig mit derselben Überzeugung präsentieren wie korrekte Ergebnisse. Die Sicherheit, mit der eine Antwort formuliert wird, sagt deshalb wenig über ihre tatsächliche Qualität aus.
Erschwerend kommt die Frage nach der Verantwortung hinzu. Treten Fehler auf, ist häufig unklar, wer für die Entscheidung verantwortlich ist und wie sich die zugrunde liegenden Prozesse verbessern lassen. Anders als Menschen kommunizieren KI-Systeme zudem Unsicherheit bislang nur eingeschränkt verlässlich. Aussagen wie „Ich weiß es nicht“ oder „Ich bin mir nicht sicher“ gehören bisher nicht zu den Stärken vieler Systeme.
Erklärbarkeit als Voraussetzung für Vertrauen
Für den produktiven Einsatz reicht es daher nicht aus, wenn eine KI lediglich nachvollziehbar klingende Begründungen liefert. Entscheidend ist vielmehr, dass sich der tatsächliche Entscheidungsweg transparent darstellen und im Idealfall reproduzieren lässt.
Dafür sind mehrere Voraussetzungen notwendig.
- Validierung
Eine Möglichkeit besteht darin, Ergebnisse systematisch gegenzuprüfen – entweder durch Menschen oder durch weitere KI-Systeme. Solche Verfahren können problematische Inhalte erkennen, Auffälligkeiten identifizieren oder die Plausibilität von Ergebnissen bewerten. Auch wenn dadurch keine absolute Sicherheit entsteht, erhöht eine zusätzliche Prüfinstanz die Zuverlässigkeit der Ergebnisse. - Nachvollziehbare Entscheidungswege
Ebenso wichtig ist die Transparenz der Verarbeitungsschritte. Unternehmen sollten nachvollziehen können, wie ein System zu seinem Ergebnis gelangt ist. Je nach Anwendungsfall kann dies beispielsweise über SQL-Abfragen, Python-Code, dokumentierte Datenflüsse oder strukturierte Workflows erfolgen. Entscheidend ist, dass nicht nur das Ergebnis, sondern auch dessen Entstehung überprüfbar bleibt. - Gemeinsame Sprache zwischen Mensch und KI
Darüber hinaus müssen Erklärungen an die jeweilige Zielgruppe angepasst sein. Reine Programmcode-Ausgaben helfen den meisten Anwendern nur bedingt weiter. Stattdessen sollten KI-Systeme ihre Entscheidungswege auf einem geeigneten Abstraktionsniveau erläutern – verständlich für Fachanwender ebenso wie für technische Experten.
In geeignete Mechanismen und gemeinsame „Sprachen“ zwischen Mensch und KI zu investieren, wird damit zu einer wesentlichen Voraussetzung für den erfolgreichen Unternehmenseinsatz.
Vertrauen entsteht durch Transparenz
Nicht jeder Einsatzbereich stellt dieselben Anforderungen an Vertrauenswürdigkeit. In einigen Szenarien lassen sich Fehler leicht erkennen oder haben nur geringe Auswirkungen. In anderen Anwendungen liefern KI-Systeme bereits heute bessere Ergebnisse als Menschen.
Sobald Entscheidungen jedoch geschäftskritisch werden, gewinnen Transparenz und Erklärbarkeit erheblich an Bedeutung. Vertrauen entsteht dann nicht allein durch leistungsfähige Modelle, sondern durch nachvollziehbare Prozesse, reproduzierbare Entscheidungswege und geeignete Verfahren zur Validierung. Erst wenn Mensch und KI auf dieser Grundlage zusammenarbeiten, lässt sich das Potenzial künstlicher Intelligenz im Unternehmensumfeld zuverlässig ausschöpfen.
Quelle: M. Berthold/GCPR Network GmbHProf. Dr. Michael Berthold verbindet jahrelange Forschung in Data Analytics mit praktischer Erfahrung als Gründer und ehemaliger CEO von KNIME. Er erklärt, warum KI-Systeme erfolgreich sind, warum Kosten aus dem Ruder laufen können und weshalb manche Projekte scheitern. Seine Schwerpunkte liegen auf vertrauenswürdiger KI und deren erfolgreicher Anwendung in der Praxis.
Weitere Informationen unter: michael.berthold.org
