Die Babyboomer scheiden allmählich aus dem Arbeitsmarkt aus, verstärken den Fachkräftemangel – und Unternehmen droht der Verlust von umfangreichem Wissen und Erfahrung. Die Folgegeneration Z könnte hier anknüpfen, doch die Generationen trennen scheinbar unüberwindbare Gräben hinsichtlich Werten und Kommunikation. Die Initiative BoomerZ hat sich zur Aufgabe gemacht, Brücken zu bauen – und mit Hilfe der digital affinen Jungen das Know-how der Älteren zu konservieren.
„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte.“ Diese Aussagen könnten von einem Babyboomer stammen, jener Generation, die zwischen 1946 und 1964 geboren wurde und die, wie der Name schon sagt, eine der zahlenmäßig stärksten ist. Doch die Aussage ist älter, als sie vermuten lässt: Sie wird dem Philosophen Sokrates zugeschrieben, der im fünften Jahrhundert vor Christus im antiken Griechenland an der Jugend kein gutes Haar ließ. Das zeigt, dass der Generationenkonflikt mindestens so alt ist wie die westliche Zivilisation – und an sich eine vollkommen logische Entwicklung, wuchs die jeweils ältere Generation doch unter ganz anderen Vorzeichen als die Nachfolger auf und grenzen sich die Jungen doch stets von den Alten ab.
Im Falle der Boomer und der Generation Z sind die Kontraste besonders ausgeprägt: Als Nachkriegsgeneration kennen die älteren „Babyboomer“ noch den Mangel. Der wirtschaftliche Aufschwung und die politische Kontinuität stellen sich erst allmählich ein und definierten ihren Wertekanon: Leistungsbereitschaft und Disziplin sind hier maßgeblich, ebenso das Streben nach materieller Sicherheit. Die Generation Z, zwischen 1995 und 2010 geboren, kennt dagegen den Wohlstand qua Geburt. Sie sind Digital Natives, mit dem Smartphone aufgewachsen und technologisch stets auf dem neuesten Stand. Ihre Anliegen sind Work-Life-Balance, mentale Gesundheit und Selbstverwirklichung; die Werte der Boomer kommen hier oft als autoritär, absolut und rückständig an.
Nun könnte man angesichts dieses Konflikts zwischen den aktuellen Generationen die Schultern zucken und auf den Lauf der Geschichte verweisen. Im aktuellen Fall ist das aber nicht mehr ganz so einfach, denn der Generationenkonflikt findet vor der Kulisse des Fachkräftemangels statt: Mit den Boomern scheidet eine zahlenmäßig starke Generation nach und nach aus dem Arbeitsmarkt aus; der demographische Wandel schlägt zu und es mangelt an qualifizierten Nachwuchskräften. Unternehmen geraten in akute Personalnot: Sie müssen übermäßige Anstrengungen unternehmen, um die wenigen Nachwuchskräfte für sich zu gewinnen und zu binden. Und gleichzeitig müssen sie es schaffen, das Wissen und die Erfahrung der ausscheidenden Boomer zu konservieren – und zwar für die Generation Z. Für diesen generationenübergreifenden Wissenstransfer ist eigentlich ein Brückenschlag notwendig: So, dass die alte Generation den Staffelstab an die junge weitergibt, damit diese ihrerseits befähigt wird und mit einer guten Grundlage starten kann.
Eine Initiative, die Generationen verbindet
Viele Unternehmen stehen nun vor der Frage, wie sie diesen Brückenschlag aktiv gestalten können. Genau hier setzt die neue Initiative BoomerZ an: Sie wurde gestartet, um zwei der zentralen Herausforderungen der Arbeitswelt adressieren: den drohenden Wissensverlust durch den demografischen Wandel und die oft konfliktbeladene Kluft zwischen den Generationen. Entwickelt wurde das Projekt von der DE software & control GmbH, einem Unternehmen, das sich eigentlich auf digitale Lösungen für die Industrie spezialisiert hat. Bei BoomerZ menschelt es: Babyboomer und Generation Z arbeiten zusammen, um analoge Erfahrungen und digitales Denken und damit die Stärken jeder Generation und ihre Kompetenzen zu vereinen. In der Praxis bedeutet das, dass die jüngere Generation für die Digitalisierung des Wissens der älteren zuständig ist. Das erfolgt über Videos, etwa, indem der Berufsanfänger und Azubi den Meister bei seinen Aufgaben im Betrieb filmt. Im Anschluss wird das Video bearbeitet – eine KI-Pipeline erzeugt ein editierbares Textformat. So entsteht eine kombinierte Anleitung aus Video und Text, die Wissen anschaulich und nachvollziehbar vermittelt. Die Dokumente können von Fachkräften nachbearbeitet werden und werden dann Mitarbeitern als Arbeitsanweisung zur Verfügung gestellt – in der jeweiligen Muttersprache. So gelingt Wissensvermittlung von der älteren an die Nachfolgegeneration. Das Format kann nicht nur in der Industrie und dem produzierenden Gewerbe, sondern auch im Handwerk oder bei Dienstleistern eingesetzt werden.
Die Vorteile
Unternehmen können mit BoomerZ nicht nur den Wissenstransfer erfolgreich bewältigen und den Erfahrungsschatz bald scheidender Mitarbeiter sichern – sei es, weil sie in Rente gehen oder das Unternehmen aus anderen Gründen verlassen. Mit den digitalisierten Informationen kann das Onboarding von Auszubildenden und neuen Kräften einfacher und schneller erfolgen, da Abläufe und Lösungen ständig vorgehalten werden und das Personal das benötigte Wissen jederzeit abrufen kann. Fast als Nebeneffekt tritt die Vermittlung zwischen den Generationen auf – für die Zusammenarbeit ist ein Austausch notwendig und der führt in der Regel zu einem besseren gegenseitigen Verständnis und am Ende sogar zu Wertschätzung. Statt eines dozierenden Monologs entsteht ein Dialog und eine Win-Win-Situation: Beide Generationen bringen im Projekt nicht nur ihre jeweiligen Kernkompetenzen ein – langjähriges Wissen auf der einen und digitales Know-how im Umgang mit Technik auf der anderen Seite. Der Generation der Boomer kann es gelingen, in der Interaktion Berührungsängste gegenüber neuen Technologien zu mindern und sich digitales Wissen anzueignen, was in einer digitalen Welt immer von Vorteil ist. Die junge Generation wird gehört, ernst genommen und kann ihre Bedürfnisse mitteilen. Sie erhält das Rüstzeug für einen erfolgreichen beruflichen Werdegang, was Engagement, Motivation und nicht zuletzt das Selbstwertgefühl stärkt.
Digitalisierung
Der Kern des Projekts BoomerZ ist die Digitalisierung. Sie ist die Voraussetzung für eine Automatisierung von Abläufen – und damit ein Hebel, um den Fachkräftemangel zu lindern. Ganz ohne Widerstand gehen Digitalisierungsvorhaben in Betrieben in der Regel aber nicht vonstatten: Schnell werden Ängste geschürt, wenn die Rationalisierung der Produktion mit dem Abbau von Arbeitsplätzen einhergeht. Firmenwissen aus den Köpfen der einzelnen Mitarbeiter, das nun digitalisiert in der Breite verfügbar ist – und noch dazu in verschiedenen Sprachen – könnte den Einzelnen überflüssig machen, wenn komplexe Tätigkeiten auch von weniger Qualifizierten übernommen werden können. So ist das Projekt aber nicht gedacht: Technologische Änderungen wie aktuell die Künstliche Intelligenz kommen und sind unausweichlich; wer mit ihnen umzugehen lernt und sie adaptiert, wird gewinnen. Entsprechend werden Arbeitsplätze nicht von der KI ersetzt, sondern von Menschen, die KI nutzen. Sich die Technologie anzueignen, ist Voraussetzung dafür. Die Datenbasis der BoomerZ-Initiative kann dann auch als Basis für KI-Anwendungen genutzt werden. Menschliche Erfahrung und Knowhow in Kombination mit technischem Fortschritt schaffen ein Werkzeug gegen den Fachkräftemangel – das von zwei Generationen geschmiedet wird.
Impulse von außen gefragt
Damit BoomerZ sein volles Potenzial entfalten kann, sind nun auch Unternehmen, Verbände und Bildungseinrichtungen gefordert, sich aktiv einzubringen. Denn generationenübergreifender Wissenstransfer und digitale Qualifizierung sind gesamtgesellschaftliche Aufgaben, die über einzelne Pilotprojekte hinausgehen müssen. Berufs- und Branchenverbände können das Thema strategisch verankern, Netzwerke schaffen und Best-Practice-Beispiele sichtbar machen. Auch Kammern, Gewerkschaften und Hochschulen spielen eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, junge Menschen für traditionelle Berufe zu begeistern und gleichzeitig moderne Kompetenzen zu vermitteln. Nicht zuletzt können Personalentwickler in Unternehmen die Initiative nutzen, um über neue Wege der Ausbildung, des Wissenserhalts und der intergenerationalen Zusammenarbeit nachzudenken – und so die eigene Zukunftsfähigkeit zu sichern.
Fazit
Der Generationenkonflikt ist kein neues Phänomen, gewinnt aber angesichts des Fachkräftemangels an Brisanz: Die Boomer gehen in Rente und die Generation Z übernimmt. Ein Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, das Erfahrungswissen der Älteren mithilfe des digitalen Know-hows der Jüngeren zu konservieren und einen Austausch zu erschaffen. Durch gemeinsame Arbeit, Videodokumentation und KI-gestützte Aufbereitung entsteht ein Wissenstransfer, von dem beide Generationen profitieren: Die Älteren geben ihr Wissen weiter, die Jüngeren werden gestärkt und integriert. So wird Digitalisierung zum verbindenden Element und zur Lösung für aktuelle Herausforderungen am Arbeitsmarkt.
Ein Beitrag von Friedrich Steininger, Initiator BoomerZ und Geschäftsführer der DE software & control GmbH.
