Künstliche Intelligenz verändert die Grundlagen, auf denen die Softwarebranche seit Jahrzehnten ihr Geschäft aufbaut. Gleichzeitig entstehen neue Bereiche, in denen künftig Wert geschaffen werden kann. Andreas Cleve, Mitgründer und CEO des KI-Infrastrukturanbieters Corti, erläutert, welche Chancen sich daraus für Europa ergeben und wo jetzt Handlungsbedarf besteht.
Programmieren ist deutlich billiger geworden: Mit modernen KI-Werkzeugen lässt sich funktionsfähige Software in Stunden bauen, und die Kosten für den Betrieb von KI-Modellen sinken um etwa das Zehnfache pro Jahr. Gleichzeitig haben Menschen ihr Monopol als Nutzer von Software verloren, weil KI-Agenten zunehmend direkt über APIs miteinander kommunizieren – vorbei an der Benutzeroberfläche, für die die Software ursprünglich gebaut wurde. Auch die klassischen Benutzeroberflächen verschmelzen: von Tausenden vorgefertigten Bildschirmen hin zu Interaktionen, die dynamisch generiert werden. Und Integrationen sowie Wechselkosten – also der ganze Aufwand, den ein Anbieterwechsel bedeutet – lösen sich auf, weil ein KI-Agent einen Arbeitsablauf innerhalb weniger Tage umbauen kann.
Software verschwindet nicht. Aber das, was Software wertvoll macht, verschiebt sich.
Vier neue Wertschöpfungsebenen
Bei den mehreren tausend Unternehmen, die derzeit auf der KI-Infrastruktur von Corti aufbauen, sehen wir, dass sich der Fokus auf vier neue Ebenen verlagert, die den verschwindenden Wert kompensieren können: Die erste ist Kontext – die Daten, das Wissen und die Erfahrungen, die ein Unternehmen aufgebaut hat und die niemand kopieren kann. Die zweite ist Autorität – wer im Namen des Systems handeln darf: Identität, Zugriffsrechte, Mandat. Die dritte ist Orchestrierung – die Infrastruktur, die sicherstellt, dass das richtige Agentensystem Zugriff auf die richtigen Daten und Werkzeuge erhält, mit einer nachvollziehbaren Dokumentation dessen, was geschehen ist. Die vierte ist Rechenleistung – also die Infrastruktur und Energie, auf der die drei anderen Ebenen aufbauen.
Genau hier sollte die Debatte über digitale Souveränität in Europa ansetzen.
Souveränität bedeutet nicht Isolation
Digitale Souveränität sollte nämlich nicht bedeuten, dass wir alles in Europa neu erfinden oder amerikanischer Technologie den Rücken kehren. Das ist weder möglich noch wünschenswert. Sie sollte hingegen bedeuten, dass keine strategisch kritische Ebene vollständig unter der Kontrolle eines einzelnen ausländischen Akteurs steht.
Wir müssen nicht jeden amerikanischen Softwareriesen nachbauen oder die weltweit größten KI-Modelle selbst trainieren. Aber wir sollten danach streben, ein starker Partner für die USA zu sein und auf ausgewählten Feldern aus eigenem Recht zu bestehen. Das erfordert eine solide Kontext-Infrastruktur, spezialisierte Modelle, bei denen Vertrauen das eigentliche Produkt ist, echte Orchestrierungsfähigkeiten und genügend unabhängige Rechenleistung, um kritische Infrastruktur zu betreiben, ohne erst um Erlaubnis fragen zu müssen.
Für deutsche Anbieter reichen diese technischen Voraussetzungen allein jedoch nicht aus. Bei Cloud-Diensten im Gesundheitswesen bestehen in Deutschland mit BSI C5 und in Frankreich mit HDS unterschiedliche Sicherheitsnachweise. Obwohl sich die zugrunde liegenden Anforderungen inhaltlich stark überschneiden, werden die Nachweise nicht gegenseitig anerkannt. Anbieter müssen vergleichbare Anforderungen deshalb für jeden Markt separat erfüllen. Das erhöht den Aufwand für den Markteintritt und erschwert es ihnen, ihre Lösungen europaweit anzubieten.
Öffentliche Nachfrage und Mitinvestitionen, gezielte Beschaffungspolitik und Abnahmegarantien können das Risiko beim Aufbau von mehr Rechenleistung in Europa verringern und gleichzeitig die Möglichkeiten der Industrie zur Skalierung erhöhen. Das würde die Kapitalkosten senken, es leichter machen, Talente anzuziehen, und mehr Unternehmen die Möglichkeit geben, einen Anteil an der digitalen Infrastruktur der Zukunft zu besitzen. Je mehr Eigentümer, desto mehr Wahlmöglichkeiten für die Wirtschaft, die künftig Intelligenz als Dienstleistung einkaufen muss.
Europa muss seinen einzigen Vorteil nutzen
Manche werden einwenden, dass die Industrie diese Aufgabe selbst stemmen sollte, ohne Hilfe der EU – so wie man es in den USA sieht. Der Gedanke ist verlockend, hält der Praxis aber nicht stand: Wir haben weder Hyperscaler noch einen einheitlichen Heimatmarkt noch die amerikanische Kapitaltiefe. Dafür haben wir eine Union, die 27 Mitgliedstaaten zusammenbringen, gemeinsame Standards setzen und im kontinentalen Maßstab einkaufen kann.
Das ist der eine strukturelle Vorteil, den wir in Europa haben und der sich nicht leicht kopieren lässt – es sei denn, man ist China. Diesen Vorteil sollten wir in der EU aktiv nutzen, während die Branche selbst weiter an den Lösungen von morgen arbeitet.
Die Softwarebranche, wie wir sie kennen, befindet sich in einem raschen Umbruch. Was gestern noch Wert schuf, ist heute nahezu wertlos. Die Frage ist, ob Europa es schafft, die neuen Wertschöpfungsebenen selbst aufzubauen – oder ob wir sie anderen überlassen.
Andreas Cleve ist Mitgründer und CEO von Corti und auf KI im Gesundheitswesen spezialisiert. Zuvor gründete er die Personalplanungsplattform Ovivo sowie die Forschungsinitiative Hyvi, aus der 2018 Corti hervorging. Zudem engagiert er sich für das nordische KI-Ökosystem und berät unter anderem DIGITALEUROPE und den dänischen Nationalen Digitalisierungsrat.
Quelle: CortiWeitere Informationen zu Corti finden Sie hier.
