Künstliche Intelligenz verändert Wirtschaft und Arbeitswelt – doch ihre politische Wirkung beginnt bereits auf der Ebene der Wahrnehmung. Eine neue internationale Studie zeigt, dass die Angst vor Arbeitsplatzverlusten durch KI das Vertrauen in demokratische Institutionen schwächt. Betroffen sind vor allem Menschen, die KI primär als Bedrohung für Beschäftigung sehen. Die Ergebnisse basieren auf umfangreichen Umfragen in Europa sowie Experimenten in Großbritannien und den USA.
Eine neue Studie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und der Universität Wien zeigt nun, dass diese Einschätzung weitreichende politische Folgen hat. Menschen, die KI als arbeitsplatzvernichtend wahrnehmen, sind signifikant unzufriedener mit dem Funktionieren der Demokratie und beteiligen sich seltener an politischen Debatten.
Die Studie, die aktuell in der renommierten Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht wurde, stützt sich auf umfangreiche Umfragedaten aus 38 europäischen Ländern mit mehr als 37.000 Befragten. Ergänzend führten die Forschenden repräsentative Experimente in Großbritannien und den USA durch, um kausale Zusammenhänge zu überprüfen.
Wahrnehmung von KI: Jobkiller statt Jobmotor
In einem ersten Schritt analysierten die Wirtschaftswissenschaftler, wie die Bevölkerung die arbeitsmarktlichen Effekte von Künstlicher Intelligenz einschätzt. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: In den meisten europäischen Ländern überwiegt die Ansicht, dass KI mehr Arbeitsplätze ersetzt als neue schafft. Diese Wahrnehmung ist bemerkenswert stabil – selbst in wirtschaftlich entwickelten Ländern und unabhängig davon, dass KI bislang nur begrenzte reale Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt gezeigt hat.
Studienautor Dr. Armin Granulo von der LMU Munich School of Management ordnet die Ergebnisse ein:
„Die tatsächlichen Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt sind derzeit noch begrenzt. Unabhängig davon nehmen viele Menschen Künstliche Intelligenz jedoch primär als Ersatz für menschliche Arbeit wahr. Diese Wahrnehmung ist erstaunlich stabil und in wirtschaftlich entwickelten Ländern besonders verbreitet.“
Politische Nebenwirkungen technologischer Angst
Diese Einschätzung bleibt nicht ohne politische Konsequenzen. Die Analyse zeigt, dass Personen, die KI als Bedrohung für Arbeitsplätze sehen, signifikant unzufriedener mit der Funktionsweise der Demokratie sind. Darüber hinaus beteiligen sie sich seltener an politischen Prozessen – etwa an öffentlichen Diskussionen, Bürgerbeteiligungsformaten oder Debatten zur Ausgestaltung von Technologiepolitik.
Professor Christoph Fuchs von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien fasst diesen Zusammenhang zusammen:
„Wenn Menschen das Gefühl haben, von Künstlicher Intelligenz verdrängt zu werden, äußern sie Zweifel am politischen System – diese Leute sind weniger zufrieden mit Demokratie und ihren Institutionen.“
Experimente belegen kausalen Zusammenhang
Um zu prüfen, ob es sich dabei nicht nur um Korrelationen, sondern um kausale Effekte handelt, führten die Forschenden zusätzlich zwei repräsentative Experimente in Großbritannien und den USA durch. Teilnehmende wurden dabei gezielt mit unterschiedlichen Zukunftsszenarien von Künstlicher Intelligenz konfrontiert – entweder als arbeitsplatzersetzende oder als arbeitsplatzfördernde Technologie.
Die Ergebnisse der Experimente bestätigen die vorherigen Befunde: Personen, denen KI als arbeitsplatzersetzend dargestellt wurde, äußerten deutlich weniger Vertrauen in demokratische Institutionen und zeigten eine geringere Bereitschaft, sich politisch mit Fragen rund um Künstliche Intelligenz auseinanderzusetzen. Umgekehrt fielen diese Effekte schwächer aus, wenn KI als Chance für neue Beschäftigungsmöglichkeiten präsentiert wurde.
Warum die öffentliche KI-Debatte demokratisch relevant ist
Aus Sicht der Autoren verdeutlicht die Studie, dass die gesellschaftlichen und politischen Folgen von Künstlicher Intelligenz nicht erst dann einsetzen, wenn Arbeitsplätze tatsächlich verloren gehen. Bereits Erwartungen, Befürchtungen und öffentliche Narrative können demokratische Einstellungen beeinflussen. Eine stark auf Arbeitsplatzverluste fokussierte Debatte über KI birgt demnach unbeabsichtigte Risiken für das Vertrauen in demokratische Institutionen.
Gleichzeitig sehen die Forschenden auch Handlungsspielräume. Dr. Armin Granulo betont:
„Unsere experimentellen Befunde zeigen, dass die öffentliche Wahrnehmung der Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf die Arbeitswelt veränderbar ist – etwa durch gezielte Kommunikation darüber, dass ihre Zukunft nicht festgeschrieben ist, sondern durch demokratische Entscheidungen mitgestaltet werden kann.“
Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie Politik, Wirtschaft und Wissenschaft über KI sprechen – und welche Bilder sie dabei bewusst oder unbewusst erzeugen.
Weitere Informationen zur LMU finden Sie hier.
