Die jüngsten Ankündigungen von IBM im IBM-i-Softwareumfeld markieren einen tiefgreifenden Einschnitt. Erweiterungen im Compiler- und Entwicklungsbereich verändern die Rahmenbedingungen für ILE-Softwarehäuser ebenso wie für Anwender. Bestehende Annahmen zur Zukunft von ILE-RPG und COBOL geraten ins Wanken. Damit rückt die Frage nach strategischer Unabhängigkeit stärker denn je in den Fokus.
Der oft zitierte Satz von Henry Ford – „If I had asked people what they wanted, they would have said faster horses.“ – beschreibt rückblickend treffend die Situation, in der sich IBM i im Frühjahr 2026 wiederfindet. Denn mit mehreren Ankündigungen im Softwareumfeld hat IBM einen Paradigmenwechsel eingeläutet, der bestehende Gewissheiten infrage stellt. Nichts ist mehr so, wie es lange Zeit war.
Die Erweiterungen betreffen sowohl den gesamten Compiler-Bereich als auch die Entwicklungsumgebung. Daraus ergeben sich grundlegende Herausforderungen für zwei Gruppen gleichermaßen: für alle ILE-Softwarehäuser und für alle ILE-Anwender. Beide müssen erkennen, dass ILE-RPG und COBOL in dieser Form keine Zukunft mehr in den langfristigen Planungen von IBM haben.
Aus der Perspektive eines Softwareentwicklers mit fünf Jahrzehnten Erfahrung im Migrationsumfeld zeichnen sich dabei mehrere Tendenzen ab. Die IBM-i-Systeme werden deutlich offener. Damit werden sie auch für Softwarehäuser interessant, die diesen speziellen, aber großen Markt bislang kaum beachtet haben.
Auswirkungen auf ILE-Softwarehäuser
Für klassische ILE-Softwarehäuser mit RPG/400-Lösungen bedeutet diese Entwicklung, dass sie sich mittelfristig neu erfinden müssen. Neukunden mit RPG/400-Software zu bedienen, wird zunehmend schwierig. Ebenso wird es immer schwerer, bestehenden Kunden neue Erweiterungen oder Anpassungen auf Basis von RPG zu empfehlen.
Gleichzeitig könnten Wettbewerber und Cloud-Anbieter, die bislang nicht im IBM-i-Umfeld aktiv waren, diesen Markt für sich entdecken. Auch viele bekannte Modernisierungskonzepte setzen weiterhin auf IBM i als Zielsystem und adressieren häufig nur Teilaspekte. Der Kunde bleibt dabei oftmals der ILE-RPG-Welt verhaftet – etwa durch 5250-Modernisierung oder Mischkonzepte mit ILE-RPG und anderen Sprachen. Solange ILE-RPG im Einsatz bleibt, ist eine vollständige Unabhängigkeit nicht gegeben.
Hinzu kommt, dass die Gewissheit, Kunden auch in Zukunft dauerhaft betreuen zu können, nicht mehr uneingeschränkt gegeben ist. Anwendern stehen mittelfristig deutlich mehr Alternativen offen als bisher.
Herausforderungen für ILE-Anwender
Auch für Anwender verschärft sich die Situation. Neben dem bekannten RPG/400-Personalproblem rückt die Zukunftssicherheit der eigenen Anwendungen in den Vordergrund. Sinkende Akzeptanz von RPG/400 erschwert die Gewinnung jüngerer Entwickler zusätzlich. Die Frage drängt sich auf, wer heute noch RPG/400 lernen sollte, wenn gleichzeitig zahlreiche moderne Programmiersprachen offiziell auf IBM-i-Systemen unterstützt werden.
Migration: Allheilmittel oder Baustein?
Die maschinelle Migration wird häufig als Lösung aller Probleme betrachtet. Diese Erwartung ist jedoch nur bedingt realistisch. In vielen früheren Migrationsprojekten lag der Schwerpunkt im Batch-Bereich. Im ILE-Umfeld ist die Situation deutlich komplexer, da die enge Verzahnung von Batch- und Dialogverarbeitung bei den meisten Anwendungen gelebte Praxis ist.
Ein sinnvoller Ansatz besteht daher aus einem echten „sowohl als auch“. Dazu gehört eine maschinelle Migration ausgewählter Anwendungen zu einem festen, volumenabhängigen Preis. Anschließend erfolgt die fachliche und technische Komplettierung im Rahmen von Projektarbeit – gemeinsam mit dem Softwarepartner der Wahl. Dies kann auf dem bestehenden System, auf einer neu gewählten Plattform oder in einer Cloud-Umgebung erfolgen.
Am Ende befindet sich der Anwender in einer deutlich besseren Ausgangsposition. Er gewinnt vollständige Wahlfreiheit und erreicht echte Unabhängigkeit von einzelnen Technologien oder Anbietern.
Die Entscheidung von IBM, das frühere System-i konsequent um offene Komponenten zu erweitern, ist vor diesem Hintergrund als positiver Schritt zu bewerten. Trotz aller Herausforderungen bietet die offene Ausrichtung von IBM i neue Perspektiven. Der Blick in die Zukunft ist daher von Interesse – und von Zuversicht geprägt.
Eine Meinung von Enno Richter, Software-Entwickler seit sechs Jahrzehnten.
Quelle: Enno RichterHerr Richter ist am Austausch über eine mögliche Kooperation mit Softwarehäusern interessiert. Sie erreichen ihn unter:
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