Im Innovations- und Investmentgeschäft gilt Rückschau als Schwäche. Wer im Rückspiegel fährt, so die unausgesprochene Doktrin, hat das nächste große Ding bereits verpasst. Der Blick ist stets nach vorne gerichtet – auf das nächste Buzzword, die nächste Disruption, die nächste Bewertungsrunde. Doch genau diese Zukunftsfixierung trägt ein systematisches Risiko in sich, das sich mit beunruhigender Regelmäßigkeit materialisiert: etwa alle 15 Jahre leidet die gesamte Branche an einem kollektiven Gedächtnisverlust.
Das Muster ist robust und historisch belegbar. Ungefähr im Abstand von zwei Unternehmergenerationen tauchen vertraute Konzepte unter neuem Namen wieder auf, werden bekannte Fehler ohne erkennbare Lernkurve wiederholt und historische Warnsignale routiniert ignoriert. Besonders dort, wo technologische Begeisterung auf Kapitalüberschuss trifft, scheitert der Transfer von Erfahrungswissen aus früheren Technologiezyklen zuverlässig.
Konkrete Belege gibt es genug: Der Börsen-Blindpool der frühen 1980er mutierte zur Blank-Check-Company der späten 1990er, erlebte nach dem Platzen der Dotcom-Blase als ICO im Krypto-Zeitalter seine nächste Inkarnation – und kehrte wenige Jahre später als SPAC auf die Titelseiten zurück. In den Nullerjahren ignorierten Investoren beim Aufbau erster Cloud-basierter SaaS-Modelle hartnäckig jene Kennzahlen zur Kundenbindung und Kapitaleffizienz, die den Telekommunikationskonzernen bereits in den 1980er und 1990er Jahren teuer zu stehen kamen. Und als drohnenbasierte Flugtaxis ab 2014 als urbane Mobilitätsrevolution gefeiert wurden, schien kaum jemand mehr an das spektakulär gescheiterte CargoLifter-Projekt des Neuen Markts zu erinnern – samt seiner damals schon nahezu unüberwindbaren regulatorischen Hürden.
Auch heute lässt sich bei manchem Deep-Tech-Versprechen mehr Begeisterung für das technisch Machbare beobachten als eine historisch informierte, nüchterne Zukunftsplanung.
Strukturelle Konvergenz statt singulärer Durchbrüche
Wer aus dieser Geschichte etwas mitnimmt, dem erschließt sich ein entscheidender analytischer Vorteil: Rückschau ist keine Nostalgie, sondern Mustererkennung. Und die wichtigste Lektion lautet: Tiefgreifende, tragfähige Innovationen entstehen fast nie aus einer einzigen Quelle.
Das gilt seit den Anfängen der Halbleiterindustrie. Der Durchbruch des Internets Mitte der 1990er-Jahre war kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis mehrerer parallel reifender Entwicklungen: ein modernes Übertragungsprotokoll aus der DARPA-Forschung, endlich deregulierte und massiv ausgebaute Glasfasernetze, millionenfach verfügbare Personal Computer – und schließlich Netscapes Browser als zündender Katalysator. Das iPhone folgte derselben Logik: keine plötzliche Eingebung, sondern die konsequente Zusammenführung vorhandener Technologien und Marktbedingungen – ein bereits an Mobiltelefone gewöhntes Massenpublikum, ausreichend leistungsfähige Mobilfunknetze der zweiten Generation und erstmals ein praktikables Verhältnis zwischen mobiler Rechenleistung, Displayqualität und Akkulaufzeit.
Solche strukturellen Konvergenzen sind es, die echte Innovationsplattformen entstehen lassen – Grundlagen, auf denen über viele Jahre hinweg nachhaltige Wertschöpfung möglich wird. Diesen echten Paradigmenwechseln gegenüber stehen die eindimensionalen Trends: getrieben von einem isolierten technologischen Durchbruch, einem regulatorischen Rückenwind oder kurzzeitiger Markteuphorie. Sie mögen spektakulär beginnen, geraten aber früher oder später in starken Gegenwind.
Oft liegt solchen Hypes eine selbstverstärkende Investorendynamik zugrunde: Ein einzelner spektakulärer Exit genügt, um ganze Branchen in Überfinanzierung zu treiben. Die MEMS-Euphorie nach einigen außergewöhnlichen Optical-Networking-Exits Anfang der 2000er und der Next-Gen-Solarzellen-Boom nach dem Börsengang von Q-Cells illustrieren diese Logik ebenso wie die regulatorisch befeuerten Boom-Bust-Zyklen in Climate Tech und New Space der jüngeren Vergangenheit. Auch der derzeit aufstrebende New-Defense-Bereich trägt bislang vor allem ein politisches Fundament: stark steigende Verteidigungsbudgets. Das allein ist kein hinreichender Konvergenzbeweis.
KI: Wenn der Hype ausnahmsweise berechtigt ist
Die aktuelle Welle der künstlichen Intelligenz ist in diesem Kontext bemerkenswert – gerade weil sie die seltene Ausnahme darstellt. Sie ruht auf einer ungewöhnlich klaren Mehrdimensionalität: Jahrzehntelang verfeinerte mathematische Modelle aus der akademischen Grundlagenforschung treffen auf explosionsartig gestiegene und durch GPU-Cloud-Dienste nun erschwinglich gewordene Rechenleistung – und auf Trainingsdaten von einem Umfang und einer Vielfalt, die erst das skalierte Internet möglich gemacht hat. Keiner dieser Stränge allein hätte ausgereicht. Erst ihre zeitliche Konvergenz ab etwa 2020 verwandelte jahrelange KI-Versprechen in handfeste Disruption.
Die Lehre, die sich dahinter verbirgt, ist alt und wird doch immer wieder vergessen: Nur wenn technologische Entwicklungen in Hardware, Software und Marktstruktur ökonomisch tragfähig zusammenlaufen, entsteht eine neue Innovationsplattform. Nicht früher.
Auf den richtigen Moment zielen
Für Marktteilnehmer – ob Investor, Technologieanbieter oder Unternehmenskunde – bleibt das Timing damit die zentrale strategische Disziplin. Jäger sprechen vom Vorhalteschuss: Gezielt wird nicht auf den aktuellen Standort des Ziels, sondern auf den Punkt, an dem es sich beim Eintreffen des Geschosses befinden wird. Wer in einen Trend einsteigt, wenn dieser bereits die Titelseiten der Publikumspresse füllt, zielt hinter dem Ziel – er investiert in eine Bewertung, nicht in eine Zukunft.
Nachhaltige Rendite – und das gilt für Kapitalinvestoren wie für Unternehmen, die Technologieentscheidungen treffen – entsteht dort, wo die Konvergenz mehrerer Innovationsstränge antizipiert wird, lange bevor sie einen griffigen Namen trägt.
Die Tech-Branche täte gut daran, Neuheit nicht mit Fortschritt zu verwechseln. Wer Innovationen an ihrer strukturellen Reife und historischen Belastbarkeit misst, verschafft sich einen seltenen Vorteil. In einer Welt, die ihre wichtigsten Lektionen alle 15 Jahre wieder verlernt, ist institutionelles Gedächtnis keine rückwärtsgewandte Tugend – es ist Wettbewerbsstrategie.
Ein Beitrag von Christian Claussen
Quelle: VentechChristian Claussen ist General Partner beim europäischen Venture-Capital-Fonds Ventech und seit mehr als 30 Jahren in der Tech-Investmentszene aktiv.
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