Quantencomputer könnten künftig etablierte Verschlüsselungsverfahren überwinden und damit die Sicherheit sensibler Unternehmensdaten gefährden. Dennoch unterschätzen viele Unternehmen die möglichen Risiken. Volker Krummel, Chapter Lead PQC bei Utimaco, erläutert, warum die Umstellung auf Post-Quanten-Kryptografie bereits heute vorbereitet werden sollte und welche Rolle kryptoagile Infrastrukturen und vertrauenswürdige Hardware dabei spielen.
Quanten-Computing klingt zunächst eher nach einem Thema für das Silicon Valley als für deutsche Firmen. Mögliche Gefahren durch die neue Technologie haben auch längst noch nicht alle Unternehmen auf dem Schirm. Laut einer aktuellen Bitkom-Studie sehen 50 Prozent der Befragten nur ein geringes Risiko für die IT-Sicherheit ihres Unternehmens.
Doch wenn wir uns vergegenwärtigen, worin heute überall Kryptografie steckt, gewinnt das Thema deutlich an Relevanz. Ende-zu-Ende-verschlüsselte Kommunikation, HTTPS-Verbindungen, elektronische Signaturen und viele weitere Sicherheitsmechanismen im Internet basieren auf asymmetrischer Kryptografie und sind somit durch Quantentechnologie in den falschen Händen gefährdet.
Kryptographische Systeme wie zum Beispiel Verschlüsselungssysteme basieren auf schwer umkehrbaren mathematischen Operationen und Problemen, die sich selbst mit herkömmlichen Hochleistungsrechnern nicht in endlicher Zeit lösen lassen. Mit der Quantentechnologie könnte sich das in Zukunft ändern. Spezielle Algorithmen, mit denen entsprechend leistungsfähige Quantencomputer solche hochkomplexen Probleme lösen könnten, existieren bereits. Wann die entsprechende Hardware in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen wird, ist eigentlich nur noch eine Frage der Zeit. Grund genug, dass sich alle Unternehmen mit dem Thema befassen sollten. Ansonsten könnten womöglich bald Dritte verschlüsselte Kommunikation mitlesen, sensible Daten entschlüsseln und elektronisch signierte Dokumente nachträglich verändern.
Die Zeit der Vorbereitung ist jetzt
Damit solche beängstigenden Szenarien nicht eintreten, müssen Verschlüsselungssysteme und digitale Signatursysteme mit neuen Algorithmen geupdated werden, die sich auch mit Quantentechnologie nicht mit sinnvollem Aufwand brechen lassen. Entsprechende internationale Standards dafür existieren bereits und es zeichnet sich ein konkreter Zeitplan für die Migration zu Post-Quanten-Kryptografie (PQC) ab: Schlüsselaustausch bis 2030, digitale Signaturen und Identitätsprüfung bis 2031. Diese Entwicklung wird auch von offizieller Seite in Europa vorangetrieben: So hat die französische Cybersicherheitsbehörde ANSSI angekündigt, ab 2027 Produkte ohne PQC-Fähigkeiten von der Zertifizierung auszuschließen.
Außerdem rückt aktuell die Debatte rund um digitale Souveränität angesichts geopolitischer Spannungen und der Abhängigkeit von außereuropäischen Cloud-Anbietern stärker in den Fokus. Ziel ist dabei der Aufbau eines sicheren Ökosystems, in dem europäische Unternehmen, öffentliche Institutionen und Betreiber kritischer Infrastrukturen die Hoheit über sensible Daten, kryptografische Schlüssel und sicherheitsrelevante Entscheidungen behalten. Souveränität im Quantenzeitalter entscheidet sich also nicht allein am Speicherort von Daten, sondern vor allem daran, ob sie auf kryptografischer und hardwarebasierter Ebene wirksam geschützt sind. Robuste und vertrauenswürdige Hardware bildet das Fundament jeder glaubwürdigen Strategie für digitale Souveränität. Sie schützt kryptografische Schlüssel, digitale Identitäten und sicherheitskritische Prozesse.
Was ist konkret zu tun?
Die praktische Vorbereitung beginnt für Unternehmen mit einer Bestandsaufnahme. Sie sollten zunächst feststellen, was ihre wertvollsten digitalen Assets sind und wo diese liegen. Dabei kann es sich beispielsweise um Konstruktionszeichnungen patentierter Bauteile oder Ähnliches handeln. Gerade solche langfristig relevanten Daten können zum Ziel sogenannter „Harvest now, decrypt later“-Angriffe werden. Dabei sammeln kriminelle Akteure bereits heute in großem Umfang verschlüsselte Daten, in der Hoffnung, sie zukünftig mittels Quantentechnologie entschlüsseln zu können. Diese besonders wertvollen Informationen sollten bei den folgenden Maßnahmen priorisiert werden.
Anschließend geht es um die Schaffung kryptoagiler Infrastrukturen, die hybride Ansätze aus klassischen und quantenresistenten Algorithmen unterstützen und so den Übergang erleichtern. Außerdem gilt es, die Hardware Root of Trust abzusichern, indem kryptografische Schlüssel und sensible Sicherheitsoperationen durch vertrauenswürdige Hardware wie HSMs geschützt werden, damit Quantum Readiness und digitale Souveränität von Anfang an in der Infrastruktur verankert sind.
Das klingt kompliziert und ist es auch. Doch kleinere und mittlere Unternehmen müssen sich in der Regel darum nicht selbst kümmern. Sie werden in den meisten Fällen ihre Sicherheits- und Verschlüsselungslösungen von Partnern beziehen. In diesem Fall geht es darum, darauf zu achten, dass die Anbieter entsprechend aufgestellt sind und dies auch belegen können. Post-Quanten-Sicherheit ist keine ferne Zukunft mehr, sondern muss heute vorbereitet werden. Wer jetzt kritische Daten priorisiert, kryptoagile Infrastrukturen schafft und auf vertrauenswürdige Hardware sowie leistungsfähige Partner setzt, stärkt zugleich seine langfristige Resilienz und digitale Souveränität.
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