Das offene Web steht unter Druck. Ursprünglich als Fundament eines freien, dezentralen und interoperablen Internets gedacht, wird es zunehmend von geschlossenen Plattformen, fragmentierten Technologien und wirtschaftlicher Konzentration verdrängt. Die Folgen reichen weit über technische Detailfragen hinaus: Sie betreffen Innovationszyklen, die digitale Souveränität von Staaten und Unternehmen und letztlich die Grundwerte unserer digitalen Gesellschaft.
2026 könnte zu einem Wendepunkt werden: Dann zeigt sich, ob wir als Entwickler, Unternehmen und Betreiber digitaler Infrastrukturen bereit sind, das offene Web zu stärken oder ob wir seine schleichende Erosion weiter hinnehmen.
Interoperabilität als Grundlage für Innovation
Das offene Web war nie nur ein technisches Konzept. Von Beginn an war es ein Motor für Innovation. Offene Standards wie HTTP, TLS, DNS, HTML und JavaScript machten es möglich, dass Ideen global skalieren, Dienste plattformübergreifend genutzt werden und Wissen dezentral geteilt werden konnte.
Gerade in den frühen Jahren des Internets war sein größter Vorteil, dass keine zentrale Instanz über Sichtbarkeit oder Erfolg entschied. Jeder mit einer Idee konnte sie direkt im Browser umsetzen, ohne Genehmigung, ohne App-Store-Review, ohne vorherige API-Registrierung.
Heute ist die Situation eine andere. Große Plattformanbieter dominieren Datenflüsse, kontrollieren Schnittstellen und setzen eigene Standards durch. Das Ergebnis ist eine technologische Landschaft, in der proprietäre Lösungen offene Alternativen häufig überholen. Der Verlust an Interoperabilität bedeutet jedoch auch: weniger Wettbewerb, weniger Innovation und wachsende Abhängigkeiten.
Fragmentierung und Kontrollverlust: ein wachsendes Risiko
Fragmentierung nimmt auf mehreren Ebenen zu und wird zunehmend zu einem strukturellen Risiko für das offene Web. Sie zeigt sich unter anderem in folgenden Bereichen:
- technisch: proprietäre APIs, undokumentierte Protokolle und nicht standardisierte Formate erschweren Zusammenarbeit und Integration
- ökonomisch: die Konzentration auf wenige Plattformen führt zu Lock-in-Effekten und bindet Daten wie Nutzer
- politisch: der Einfluss großer Tech-Konzerne auf Diskurse, Marktmechanismen und regulatorische Prozesse wächst – oft ohne ausreichende demokratische Kontrolle
Gleichzeitig entsteht eine Gegenbewegung: In der Entwickler-Community, im Open-Source-Ökosystem und in Teilen der Wirtschaft wächst das Bewusstsein, dass Offenheit ein strategischer Vorteil sein kann. Nicht nur, um Innovationspotenzial freizusetzen, sondern auch, um wieder Kontrolle über technologische Grundlagen zu erlangen.
2026: Die nächste Phase des offenen Webs
Die Grundlagen eines offenen, interoperablen Internets existieren bereits – doch sie treten in eine neue Phase ein, die digitale Souveränität und Leistungsfähigkeit neu definieren könnte. Vier Entwicklungen zeigen, wohin sich das offene Web bewegt:
- WebAssembly jenseits des Browsers
Mit dem kommenden Component Model und WASI 0.2 entwickelt sich WebAssembly zu einer universellen Ausführungsumgebung, die überall läuft: im Browser, an der Edge und in KI-Inference-Engines. Damit wird es zu einer ernstzunehmenden Alternative zu Containerisierung und proprietären Runtimes und schafft die Basis für eine wirklich portable, offene Compute-Schicht über viele Infrastrukturen hinweg. - Edge Computing trifft KI
Edge-Architekturen verschieben sich vom reinen Latenz-Tuning hin zu KI-nativen Deployment-Modellen. Offene Frameworks wie Open Horizon oder KubeEdge ermöglichen dezentrale Inferenz und Modellaktualisierungen, ohne auf Hyperscaler angewiesen zu sein. Das bedeutet: Echtzeit-Datenverarbeitung näher an den Nutzern und eine Renaissance offener, regionaler Compute-Ökosysteme. - The Composable Web: Von PWAs zu WebGPU und WebNN
Die nächste Generation von Web-Apps wird native Anwendungen nicht nur imitieren, sondern übertreffen. Neue Standards wie WebGPU für High-Performance-Grafik und WebNN für On-Device-Machine-Learning machen den Browser zu einer leistungsfähigen, datenschutzfreundlichen Ausführungsumgebung. Zusammen mit PWAs wird der Browser zur zentralen Plattform für KI-gestützte Nutzererlebnisse – offen, sicher und unabhängig. - Open Observability und föderierte Datenkontrolle
OpenTelemetry erweitert sich in Richtung föderierter Observability – über Clouds, Edge-Standorte und Organisationen hinweg. Neue Initiativen wie Open Feature, W3C Decentralized Identifiers (DID) und Open Data Contracts ermöglichen Vertrauen und Transparenz ohne Vendor-Lock-in – wesentliche Pfeiler digitaler Resilienz in einer fragmentierten Welt. Gemeinsam zeigen diese Entwicklungen: Das offene Web bewahrt nicht nur seine Vergangenheit, es gestaltet aktiv die Zukunft, indem es Offenheit mit moderner Infrastruktur verbindet.
Was Unternehmen, Entwickler und Architekten jetzt tun können
Der Schutz des offenen Webs beginnt nicht in politischen Ausschüssen, sondern in alltäglichen technischen Entscheidungen. Drei Handlungsfelder zeigen, wie Offenheit auf architektonischer Ebene gelebt werden kann:
- Technologische Offenheit fördern
Offene Standards wie OpenAPI, GraphQL oder ActivityPub sollten bevorzugt und proprietäre Abhängigkeiten, wo immer möglich, vermieden werden. Open-Source-Projekte benötigen gezielte Unterstützung und Finanzierung. Viele etablierte Open-Source-Communities erleben derzeit einen KI-getriebenen Zustrom trivialer Issue-Meldungen, der Maintainer zusätzlich belastet. Gut recherchierte, substanzielle Beiträge sind daher wertvoller denn je. - Resiliente Architekturen gestalten
Wie Softwarearchitekt Martin Fowler betont, gehört Modularisierung zu den effektivsten Strategien, um Vendor-Lock-in zu vermeiden. Eine modulare Architektur hält Systeme anpassungsfähig und verhindert langfristige Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern – ein Prinzip, das auch im Google Cloud Architecture Framework verankert ist. Zudem hilft die Prüfung selbst gehosteter und föderierter Alternativen wie Matrix, Mastodon oder MinIO dabei, die Kontrolle über Daten und Infrastruktur zu behalten. Diese offenen Ökosysteme zeigen, wie Dezentralisierung Resilienz stärken kann. Eine eigene DNS-Infrastruktur oder eine zusätzliche Caching-Schicht zu betreiben, erhöht die Autonomie weiter und stellt sicher, dass Dienste verfügbar bleiben, selbst wenn externe Anbieter ausfallen. - Digitale Souveränität aktiv berücksichtigen
Technologische Offenheit ist auch eine Frage der Governance. Wie das Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft definiert, bedeutet digitale Souveränität die Kontrolle über eigene Daten, Hardware und Software – und damit über das eigene digitale Schicksal. Die Förderung digitaler Kompetenz in Organisationen ist dafür ein zentraler Baustein. Die Freiheit technischer Entscheidungen als Wettbewerbsvorteil zu begreifen, ergänzt sich mit politischen Instrumenten wie dem EU Digital Markets Act (DMA). Der DMA zielt darauf ab, monopolistische Abhängigkeiten zu reduzieren und fairere digitale Ökosysteme zu schaffen und bietet eine Chance für Unternehmen, Resilienz mit Compliance zu verbinden.
Das offene Web ist kein Relikt – es ist eine Investition in die Zukunft
Das offene Web als Relikt abzutun, wäre ein Fehler. Gerade in einer Zeit, in der KI-Systeme, Datenverarbeitung und Netzwerkinfrastrukturen zentrale Treiber wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung sind, ist Offenheit ein strategischer Vorteil. Entwickler, Unternehmen und Betreiber von Infrastrukturen haben es in der Hand, diese Offenheit durch kluge Architekturentscheidungen, klare politische Positionen und Investitionen in offene Technologien zu bewahren.
Eines steht fest: Wenn wir das offene Web nicht aktiv gestalten, wird es verschwinden. Und mit ihm die Chance auf ein freies, innovationsfreundliches und widerstandsfähiges Internet.
Quelle: FastlyAustin Spires
Austin Spires ist Sr. Director of Product Management bei Fastly und konzentriert sich dort auf User Experience. Er arbeitet seit vielen Jahren an Developer-Tools und Kundenzufriedenheit und spricht regelmäßig auf Konferenzen und Meetups. Vor seiner Zeit bei Fastly war er im Vertrieb und Support bei GitHub tätig, wo er das Customer-Onboarding mit verantwortete. Ursprünglich aus Texas, spielt er ausgezeichnet Bass und genießt gelegentlich ein gutes Bier.
Weitere Informationen zu Fastly finden Sie hier.
