Die Abhängigkeit von internationalen Cloud-Anbietern wird für Unternehmen zunehmend zum Risiko. Eine aktuelle Studie von Lünendonk zeigt, dass viele Organisationen selbst kritische Szenarien wie einen „Kill Switch“ für realistisch halten. Gleichzeitig fehlen oft konkrete Exit-Strategien. Digitale Souveränität entwickelt sich damit zur zentralen Aufgabe moderner IT-Strategien. Neue Ansätze wie Multi-Cloud und souveräne Plattformmodelle gewinnen an Bedeutung.
Die Diskussion um digitale Souveränität gewinnt angesichts geopolitischer Spannungen und wachsender Abhängigkeiten von internationalen IT- und Cloud-Anbietern deutlich an Dynamik. Unternehmen sehen sich zunehmend mit der Frage konfrontiert, wie sie ihre digitale Infrastruktur resilient und unabhängig gestalten können.
Eine aktuelle Studie zeigt, dass 83 Prozent der befragten Unternehmen ein Szenario für realistisch halten, in dem ein Cloud-Anbieter den Zugang zu kritischen IT-Services einschränkt oder vollständig unterbindet – ein sogenannter „Kill Switch“. Gleichzeitig verfügen nur 57 Prozent über eine Exit-Strategie, um im Ernstfall den Anbieter wechseln zu können.
Damit wird deutlich, dass die Risikowahrnehmung zwar hoch ist, konkrete Maßnahmen jedoch häufig noch fehlen.
„Digitale Souveränität duldet keinen Aufschub! Reines Problembewusstsein genügt nicht. Unternehmen müssen jetzt den Mut aufbringen, Abhängigkeiten aktiv abzubauen, auch wenn dies unbequem und kostspielig ist”, sagt Tobias Ganowski, Senior Consultant bei Lünendonk & Hossenfelder und Studienautor.
Zwischen Abhängigkeit und Handlungsdruck
Treiber für die steigende Relevanz digitaler Souveränität sind vor allem strukturelle Abhängigkeiten von einzelnen Cloud-Providern sowie regulatorische und geopolitische Risiken. Hinzu kommt die Notwendigkeit, IT-Systeme auch in Krisensituationen stabil betreiben zu können.
96 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass die Bedeutung digitaler Souveränität in den kommenden drei Jahren weiter zunehmen wird – unabhängig von der geopolitischen Entwicklung. Bereits heute messen 36 Prozent dem Thema eine sehr hohe Relevanz bei.
Die Umsetzung gestaltet sich jedoch komplex. Historisch gewachsene IT-Landschaften, fehlende Transparenz über Daten und Prozesse sowie heterogene Multi-Cloud-Umgebungen erschweren eine klare Steuerung.
Souveräne Cloud-Modelle gewinnen an Bedeutung
Vor diesem Hintergrund rücken alternative Betriebsmodelle stärker in den Fokus. Besonders gefragt sind souveräne Cloud-Angebote, die auf lokalen Betreibern innerhalb der EU basieren, sowie deutsche IT-Dienstleister im Bereich Infrastruktur und Managed Services.
55 Prozent der Unternehmen bewerten solche Modelle als sehr relevant. Auch in Deutschland ansässige Cloud-Anbieter gewinnen an Bedeutung und entwickeln sich zunehmend zu sogenannten „Superscalern“.
Parallel dazu setzen viele Unternehmen auf Multi-Cloud-Strategien, um Risiken zu streuen. Bereits 42 Prozent nutzen entsprechende Architekturen, weitere 46 Prozent planen deren Einführung.
„Anforderungen unterscheiden sich je nach Branche und Anwendungsfall. Klassische Hyperscaler-Angebote sollen nicht ersetzt, sondern gezielt um souveräne Alternativen ergänzt werden, um regulierte und souveränitätskritische Szenarien abzudecken. Die Zukunft der IT ist daher hybrid und differenziert”, erklärt Mario Zillmann, Senior Partner bei Lünendonk & Hossenfelder.
Europäische Anbieter mit strukturellen Defiziten
Trotz wachsender Nachfrage nach Alternativen bleiben europäische Cloud-Anbieter in wichtigen Bereichen hinter den globalen Hyperscalern zurück. Während 93 Prozent der Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit auf Infrastrukturebene bestätigen, zeigen sich deutliche Defizite bei Plattform- und KI-Services.
Aktuell halten lediglich 3 Prozent der Befragten europäische Anbieter in diesem Bereich für konkurrenzfähig. Auch mittelfristig wird nur von einer geringen Annäherung ausgegangen.
Diese Diskrepanz verdeutlicht die Herausforderung, digitale Souveränität mit technologischer Leistungsfähigkeit in Einklang zu bringen.
Fazit: Souveränität erfordert strategische Neuausrichtung
Digitale Souveränität entwickelt sich von einem abstrakten Konzept zu einer konkreten Handlungsanforderung. Unternehmen müssen ihre Abhängigkeiten analysieren, Alternativen bewerten und ihre IT-Architektur gezielt weiterentwickeln.
Multi-Cloud-Ansätze, souveräne Plattformmodelle und stärkere Governance-Strukturen bilden dabei zentrale Bausteine. Gleichzeitig bleibt der Spagat zwischen Unabhängigkeit und Innovationsfähigkeit eine der größten Herausforderungen.
Für die Lünendonk-Studie „Digitale Souveränität: Vom Risiko zur Resilienz” wurden zwischen Dezember 2025 und Januar 2026 insgesamt 155 Interviews mit IT-Bereichsleitern, GRC- und Security-Verantwortlichen, IT-Einkäufern sowie CIOs und C-Level-Verantwortlichen geführt. Die befragten Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz stammen aus verschiedenen Branchen, darunter Industrie, KRITIS-Sektoren, Banken und Versicherungen. Jeweils die Hälfte gehört zum gehobenen Mittelstand und zu Konzernen.
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