Deutschland bleibt einer der wichtigsten europäischen Märkte für Rechenzentren. Doch hohe Grundstückskosten, begrenzte Netzkapazitäten und langwierige Genehmigungsverfahren erschweren den Ausbau. Laut einer Analyse der Unternehmensberatung Kearney kosten Flächen mit gesichertem Stromanschluss hierzulande bis zu viermal so viel wie in Skandinavien. Die Studie sieht deshalb Vorteile in einer stärkeren europäischen Arbeitsteilung bei der Bereitstellung von Rechenleistung.
Der europäische Rechenzentrumsmarkt steht vor einem deutlichen Wachstum. Nach Angaben der European Data Centre Association soll sich die Anschlussleistung von Colocation-Anbietern bis 2030 von derzeit 8,2 auf 20 Gigawatt mehr als verdoppeln. Deutschland zählt neben Großbritannien und Frankreich zu den größten Nachfragemärkten. Im Data Center Demand Index der Unternehmensberatung Kearney steigt der deutsche Wert zwischen 2025 und 2030 von 43,6 auf 92,4 Punkte.
Ob die benötigten Kapazitäten tatsächlich entstehen, hängt jedoch zunehmend von der Verfügbarkeit geeigneter Standorte ab. Für die Untersuchung hat Kearney 19 europäische Länder anhand von acht Faktoren bewertet, darunter Energieversorgung, Grundstücksverfügbarkeit, Baurecht, Datenanbindung und Betrieb. Deutschland gehört weiterhin zu den führenden Standorten, steht beim Ausbau neuer Rechenzentren allerdings vor wachsenden Herausforderungen.
Besonders deutlich werden die Unterschiede bei Grundstücken mit gesichertem Stromnetzanschluss, dem sogenannten Powered Land. In Deutschland und weiteren westeuropäischen Kernmärkten liegen die durchschnittlichen Kosten bei 2,25 bis 2,30 Millionen Euro pro Megawatt. An führenden skandinavischen Standorten werden dagegen lediglich 600.000 bis 800.000 Euro fällig. Damit können die Standortkosten in Deutschland das Drei- bis Vierfache betragen.
Quelle: Kearney„Ein Rechenzentrum entsteht dort, wo Strom, Lage, Fläche und Genehmigung zusammenkommen. Diese Kombination ist in Deutschland teuer geworden“, sagt Christoph Neunkirchen, Partner & Geschäftsführer bei Kearney und Mitautor der Studie.
Hohe Investitionen und begrenzte Netzkapazitäten
Neben den Grundstückskosten beeinflusst die technische Ausstattung die Wirtschaftlichkeit neuer Rechenzentren. Für Anlagen mit einer Leistung zwischen 10 und 50 Megawatt veranschlagt Kearney Investitionen von 10 bis 15 Millionen Euro je Megawatt. Werden zusätzlich Grafikprozessoren (GPUs) für KI-Anwendungen eingesetzt, können die Kosten auf bis zu 35 Millionen Euro steigen.
Den größten Anteil machen Server- und Netzwerktechnik aus. Sie stehen laut Analyse für 60 bis 70 Prozent der Gesamtinvestitionen.
Als entscheidende Hindernisse gelten jedoch weniger die Finanzierungsmöglichkeiten als die Voraussetzungen für den Bau. Zwar beziffert die EU-Kommission den Investitionsbedarf für zusätzliche europäische Rechenzentrumskapazitäten bis 2036 auf rund 200 Milliarden Euro. Kearney geht aber davon aus, dass ausreichend Kapital verfügbar sein wird.
Schwieriger gestalten sich Netzanschlüsse, Genehmigungsverfahren und die Bereitstellung geeigneter Flächen. Insbesondere in Deutschland, Irland und den Niederlanden gelten die Verfahren als langwierig und uneinheitlich. Hinzu kommen lokale Widerstände, etwa aufgrund des Energieverbrauchs oder konkurrierender Flächennutzungen.
Energieeffizienzgesetz stellt zusätzliche Anforderungen
Auch regulatorische Vorgaben beeinflussen die Standortentscheidung. Das deutsche Energieeffizienzgesetz verpflichtet neue Rechenzentren abhängig vom Zeitpunkt ihrer Inbetriebnahme zur Wiederverwendung eines bestimmten Anteils ihrer Abwärme.
Für Anlagen, die nach Juli 2026, 2027 beziehungsweise 2028 in Betrieb gehen, gelten laut der Kearney-Analyse Quoten von mindestens 10, 15 beziehungsweise 20 Prozent. Ob sich die Abwärmenutzung wirtschaftlich umsetzen lässt, hängt wesentlich davon ab, ob geeignete Abnehmer in der Umgebung vorhanden sind.
Darüber hinaus müssen Betreiber ihren Stromverbrauch ab dem 1. Januar 2027 bilanziell vollständig durch erneuerbare Energien decken.
Kearney sieht deshalb Handlungsbedarf bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen.
Neunkirchen betont: „Diese strategische Infrastruktur entsteht durch entschlossenes Handeln. Dabei soll Regulierung Hürden reduzieren, Geschwindigkeit ermöglichen und Investitionssicherheit bieten”
KI-Rechenleistung könnte sich stärker in Europa verteilen
Mit dem steigenden Bedarf an künstlicher Intelligenz gewinnt die geografische Verteilung von Rechenkapazitäten an Bedeutung. Kearney spricht sich dafür aus, unterschiedliche Anwendungen entsprechend ihren technischen und regulatorischen Anforderungen auf europäische Standorte zu verteilen.
Anwendungen mit besonders niedrigen Latenzanforderungen oder strengen Vorgaben zur Datenverarbeitung sollen weiterhin möglichst nah an den Nutzern betrieben werden. Das rechenintensive Training großer KI-Modelle könnte dagegen verstärkt in Regionen mit günstiger und CO2-armer Energieversorgung stattfinden.
Der Energiebedarf solcher Systeme nimmt deutlich zu. Bereits 2025 entfielen laut Analyse zwischen 23 und 27 Prozent des Stromverbrauchs europäischer Rechenzentren auf KI-Server. Bis 2030 könnte sich dieser Anteil verdoppeln.
Neben den etablierten Zentren Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin gewinnen deshalb weitere Regionen an Bedeutung. Insbesondere Südeuropa und Skandinavien verzeichnen steigende Nachfragewerte. Italien, Spanien, Griechenland und Portugal gewinnen bis 2030 zusammen 67,6 Punkte im Kearney-Nachfrageindex, während Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden auf einen Zuwachs von 67,4 Punkten kommen.
Europäische Zusammenarbeit soll digitale Souveränität stärken
Die Standortfrage ist nach Einschätzung von Kearney auch für die technologische Unabhängigkeit Europas relevant. Der Marktanteil europäischer Cloud-Anbieter sank von 29 Prozent im Jahr 2017 auf 15 Prozent im Jahr 2022 und stagniert seither weitgehend. Gleichzeitig vereinen Amazon, Microsoft und Google rund 70 Prozent des Marktes auf sich.
Eine koordinierte europäische Infrastrukturstrategie könnte dazu beitragen, regionale Stärken besser zu nutzen und zusätzliche Wertschöpfung innerhalb Europas aufzubauen. Dazu gehört nach Einschätzung der Unternehmensberatung auch die gegenseitige Anerkennung national entwickelter souveräner Technologie- und Serviceangebote.
„Wir würden in Europa insgesamt davon profitieren, wenn neue Kapazitäten koordiniert aufgebaut werden und wir unsere Stärken gezielt ausspielen können. Isolierte nationale Infrastrukturen können im globalen Wettbewerb nicht mithalten“, ist sich Christoph Neunkirchen sicher.
Für Deutschland bedeutet dies, dass nicht jede zusätzliche Rechenkapazität zwangsläufig im Inland entstehen muss. Entscheidend wird vielmehr sein, welche Anwendungen aus technischen oder regulatorischen Gründen einen lokalen Standort benötigen und welche sich wirtschaftlicher in anderen europäischen Regionen betreiben lassen.
Hier finden Sie weitere Informationen zur A.T. Kearney GmbH sowie die vollständige Studie „How to achieve sovereignty at scale: building Europe’s data center future“.
