Das Kernbanksystem verliert seine frühere Rolle als technisches Zentrum aller Bankprozesse. Während Banken Prozesse zunehmend aus ihren gewachsenen Kernsystemen in cloudbasierte, modulare Architekturen verlagern, müssen sie komplexe Transformationen steuern und dabei operative Stabilität und Innovation miteinander in Einklang bringen. Karl im Brahm, CEO DACH von Objectway, erklärt, wie Banken die Geschäftslogik schrittweise vom Kernsystem lösen können, ohne dadurch neue Abhängigkeiten, Schnittstellenprobleme und regulatorische Risiken zu schaffen.
Die Europäische Zentralbank erhöht den Druck auf die Banken. Für die Jahre 2026 bis 2028 zählt sie operative Resilienz und robuste IT-Fähigkeiten zu ihren zentralen Aufsichtsprioritäten. Institute sollen demnach bestehende Schwächen nicht länger nur erfassen, sondern konkret beheben. Im Fokus stehen IT-Risiken, Abhängigkeiten von Drittanbietern sowie Mängel bei Daten und Reporting. Gleichzeitig rückt die neue Abwicklungsfrist T+1 näher: Ab dem 11. Oktober 2027 müssen Wertpapiergeschäfte in der EU innerhalb eines statt wie bisher innerhalb von zwei Geschäftstagen abgewickelt werden. Dafür müssen Daten schneller verfügbar sein, manuelle Eingriffe sinken und sämtliche Systeme reibungslos zusammenspielen. Für Banken heißt das: Sie müssen ihre IT zügig modernisieren. Der zentrale Hebel hierfür war über Jahre das Kernbanksystem. Doch dessen Ersatz ist ein Mammutprojekt, das mehrere Jahre dauern kann. Mit der aktuellen Marktdynamik und dem wachsenden regulatorischen Druck ist dieses Vorgehen für viele Institute zu langsam. Hinzu kommt das Kostenrisiko. Wie gravierend dieses sein kann, zeigte eine britische Retailbank. Nach einer schlecht gesteuerten IT-Migration konnten zahlreiche Kunden zeitweise nicht auf Bankdienstleistungen zugreifen. Die Aufsichtsbehörden verhängten später eine Strafe von 48,65 Millionen Pfund.
„Banken können ihre Modernisierung nicht länger verschieben. Sie können aber auch nicht jedes gewachsene System auf einmal ersetzen“, sagt Karl im Brahm, CEO DACH von Objectway, dem Full-As-a-Service-Anbieter für für Banken, Wealth- und Asset-Manager.
Der Geschäftsführer kennt die Bankenbranche seit mehr als 28 Jahren und begleitet Institute bei der Modernisierung ihrer IT-Systeme.
Er betont: „Deshalb verändert sich das Modell der Transformation. Institute unterteilen den Umbau in priorisierte Etappen.“
Kundenerlebnis und Wachstum treiben den IT-Umbau
Die Modernisierung der Bank-IT dient längst nicht mehr allein der Kostensenkung und Risikominimierung. Laut einer Untersuchung eines führenden Analystenhauses nennen 54 Prozent der Führungskräfte aus dem Finanzsektor ein besseres Kundenerlebnis als wichtigen Treiber. Es folgen die Gewinnung neuer Kunden mit 46 Prozent und Umsatzwachstum mit 41 Prozent. Das verändert auch den Umgang mit der Kerntechnologie. Statt monolithische Systeme vollständig auszutauschen, lösen Banken einzelne Funktionen aus dem Kern heraus und verteilen sie auf modulare, cloudbasierte Komponenten.
„So können sich einzelne Funktionen unabhängig voneinander weiterentwickeln und neue Technologien sowie Partner leichter integriert werden“, erklärt im Brahm.
Welche Funktionen müssen im Kern bleiben?
Im Zentrum dieses Ansatzes steht die sogenannte Composability: Gewachsene monolithische Systeme werden in kleinere Komponenten zerlegt, die sich unabhängig voneinander steuern lassen. Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob eine Bank ihr Kernsystem vollständig ersetzt. Die Schwierigkeit besteht darin, festzulegen, welche Funktionen aus Gründen der Stabilität im Kern bleiben und welche sich unabhängig davon modernisieren lassen. So kann ein Institut zunächst dort investieren, wo der Handlungsdruck am größten ist, während die übrigen Prozesse weiterlaufen. Das senkt das Risiko einer einmaligen Komplettmigration.
Best of Breed kann neue Abhängigkeiten schaffen
Je stärker Banken modernisieren und spezialisierte Lösungen entlang ihrer Wertschöpfungskette einsetzen, desto mehr verlagert sich die eigentliche Herausforderung auf die Verbindung der einzelnen Funktionen, Daten und Prozesse zu einem kohärenten Ökosystem.
„Ein Best-of-Breed-Ansatz kann Fachwissen und Flexibilität in einzelne Bereiche bringen. Ohne eine gemeinsame Architektur und ein klares Orchestrierungsmodell entstehen jedoch zusätzliche Schnittstellen, fragmentierte Datenflüsse und operative Abhängigkeiten“, warnt im Brahm.
Erforderlich sind deshalb einheitliche Datenmodelle, klar geregelte Verantwortlichkeiten und gemeinsame Vorgaben für Governance, Sicherheit und regulatorische Kontrollen. Werden die einzelnen Funktionen über standardisierte Schnittstellen verbunden, können Banken Komponenten austauschen oder weiterentwickeln, ohne das gesamte Betriebsmodell neu aufzusetzen.
Fragmentierte Daten bremsen auch den KI-Fortschritt
Spätestens beim Einsatz von KI wird die IT-Landschaft zum Belastungstest. Die Anwendungen greifen häufig gleichzeitig auf Daten aus Kernbanksystem, Kundenmanagement, Portfoliomanagement und Compliance zu. Sind diese Systeme nicht sauber verbunden, arbeitet die KI mit widersprüchlichen oder veralteten Informationen. Zudem lässt sich schwer nachvollziehen, aus welcher Quelle ein Ergebnis stammt.
„KI macht eine fragmentierte Architektur nicht automatisch intelligenter“, sagt im Brahm und ergänzt: „Ohne einheitliche Daten und klar geregelte Verantwortlichkeiten skaliert eine Bank nicht ihre Effizienz, sondern ihre Fehler.“
Bevor Banken weitere KI-Anwendungen einführen, müssen sie deshalb festlegen, welches System welche Informationen liefert, wer deren Qualität kontrolliert und wie Ergebnisse nachvollzogen werden können.
Deutsche Banken müssen zuerst Ordnung schaffen
Erfolgreiche Modernisierung ist nicht nur eine technische Aufgabe. Business und IT müssen die Transformation gemeinsam verantworten und technologische Entscheidungen von Beginn an mit den geschäftlichen Zielen abstimmen. Dazu sollten auch Operations, Risiko und Compliance sowie der Einkauf eingebunden werden. So lassen sich voneinander losgelöste Entscheidungen, unkontrollierte Technologieeinführungen und Shadow IT vermeiden. Objectway übernimmt in Kundenprojekten diese übergreifende Orchestrierung und verbindet spezialisierte Lösungen über eine modulare, API-basierte Plattform.
„Die Zukunft gehört weder dem geschlossenen Monolithen noch einer beliebigen Sammlung von Einzellösungen“, resümiert im Brahm.
Das Kernbanksystem bleibt das stabile Fundament. Neue Funktionen müssen sich jedoch flexibel ergänzen lassen, ohne dass die Bank die Kontrolle über das Gesamtsystem verliert.
Quelle: ObjectwayWeitere Informationen zu Objectway finden Sie hier.
