Aktuell dürfen die International Financial Reporting Standards (IFRS) bei nicht kapitalmarktorientierten Unternehmen in Deutschland auf freiwilliger Basis im Konzernabschluss ersetzend und auf Ebene der Einzelabschlüsse lediglich ergänzend zum HGB-Abschluss zur Anwendung kommen.

Allerdings haben die „G20“-Staaten im Zuge der Finanzkrise die Rechnungslegungs-Standard-Setter aufgefordert, sich bis 2011 auf „hiqh quality, global accounting standards“ zu verständigen. Schon jetzt werden regelmäßig höhere Anforderungen an die zu veröffentlichenden Informationen gestellt. Untersuchungen zufolge hat sich die überwiegende Zahl der befragten deutschen mittelständischen Unternehmen bereits für eine Einführung der IFRS entschieden bzw. zieht dies in Erwägung.

Zielsetzung der IFRS

Die HGB-Rechnungslegung ist traditionell am Gläubigerschutz ausgerichtet. Zudem ist der Abschluss von mittelständischen Unternehmen häufig an steuerlichen Aspekten orientiert („Einheitsbilanz“). Dabei werden Lage und Ergebnis, z. B. durch Imparitäts- und Vorsichtsprinzip, vielfach abweichend von der tatsächlichen wirtschaftlichen Situation dargestellt. Zielsetzung der IFRS ist hingegen „Informationen über die Vermögens‑, Finanz- und Ertragslage […] eines Unternehmens zu geben, die für einen weiten Adressatenkreis bei dessen wirtschaftlichen Entscheidungen nützlich sind“.

Aus diesem Ansatz der IFRS ergibt sich eine wesentliche Übereinstimmung mit den Anforderungen an das interne Rechnungswesen: Beide Systeme sollen durch die betriebswirtschaftlich tatsachengemäße Abbildung der Unternehmensrealität entscheidungsrelevante Informationen bereitstellen. In der Praxis ergeben sich aus der Anwendung der IFRS und einer Vereinheitlichung von internem und externem Rechnungswesen erhebliche Chancen für eine effiziente und fundierte Unternehmenssteuerung. Der entstehende Mehraufwand durch das zusätzliche Erstellen eines IFRS-Abschlusses neben dem weiterhin zwingend zu erstellenden HGB-Einzelabschluss wird häufig durch Einsparungen in der Ausgestaltung des internen Rechnungswesens kompensiert.

Reduzierung des Komplexitätsgrads

Die Anfang Juli 2009 erfolgte Veröffentlichung des speziell auf kleine und mittelgroße Unternehmen (KMUs) ausgerichteten „International Financial Reporting Standard for Small and Medium-sized Entities (IFRS for SMEs)“ ist ein Ansatz zur Reduzierung des vielfach kritisierten Komplexitätsgrads der sog. Full-IFRS. Mit der Begrenzung von Wahlrechten, der Beschränkung auf für KMUs relevante Sachverhalte, methodischen Vereinfachungen und einer deutlichen Reduzierung der erforderlichen Anhangangaben wird versucht, die internationalen Rechnungslegungsstandards auf die Bedürfnisse von KMUs abzustimmen. Die bessere Vergleichbarkeit soll es den KMUs u. a. ermöglichen, ihre Kapitalkosten bei externer Kapitalbeschaffung zu reduzieren. Derzeit ist jedoch noch unklar, ob und wann die IFRS for SMEs in europäisches Recht übernommen werden.

Eine Umstellung des Rechnungswesens auf IFRS ist auch systemseitig ein komplexes Vorhaben, das einer effizienten Umsetzung bedarf. Nach der Analyse der bestehenden Systeme und Ressourcen sind basierend auf dem Sollkonzept die unternehmensspezifischen Anforderungen umzusetzen, z. B.:

  • Definition der erforderlichen Anpassungen interner Abläufe und Prozesse
  • Abbildung der IFRS-Anpassungen oder vollständige Umstellung der Primärsysteme auf IFRS-Buchhaltung
  • Anpassung des Kontenrahmens
  • Darstellung der Gewinn- und Verlustrechnung nach Gesamt- und Umsatzkostenverfahren
  • Konzept für die veränderte Datenhaltung
  • Darstellung unterschiedlicher Reporting-Erfordernisse (extern, intern)
  • Beibehaltung historischer Vergleichszahlen bei Änderung der Reporting-Strukturen
  • Simultane Abbildung verschiedener Bewertungsbereiche (IFRS, HGB, Steuern, Management Accounts)
  • Integration von Planungsrechnung/Budgetprozess auf Basis der IFRS
  • Festlegung individueller Auswertungsanforderungen
  • Erforderliche Schnittstellen zu peripheren Systemen

Kompatibilität der Anwendungen überprüfen

Die Planung hinsichtlich der einzusetzenden Software erstreckt sich somit nicht ausschließlich auf die Buchführungssoftware. Für die Durchführung der Umstellung muss die Kompatibilität sämtlicher tangierter Anwendungen überprüft werden. Betroffen sind dabei z. B. Anwendungen in Bezug auf Kosten- und Leistungsrechnung, Material- und Warenwirtschaft, Fakturierung und Auftragsverwaltung, interne Berichterstattung sowie Projektmanagement und Kommunikation. In der Praxis wird eine IFRS-Umstellung in vielen Fällen allein durch das Rechnungswesen durchgeführt. Unerwartete Verzögerungen und Ineffizienzen lassen sich erfahrungsgemäß durch eine zeitnahe Einbeziehung von Controlling und IT vermeiden.

Im Hinblick auf die Zukunft der internationalen Rechnungslegung in Deutschland wird es zunächst offen bleiben müssen, inwieweit z. B. die Anwendung der IFRS for SMEs zu einer Befreiung von nationalen Rechnungslegungserfordernissen führen wird. Kurzfristig wird das durch das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz („BilMoG“) reformierte HGB die Grundlage des Einzelabschlusses nicht kapitalmarktorientierter Unternehmen bilden. Mit dieser Bilanzrechtsreform gelangen IFRS-nahe Grundsätze in die deutsche Rechnungslegungspraxis, die mit den altbekannten HGB-Regeln nur noch wenig gemein haben. Angesichts der europa- bzw. weltweiten Umsetzung der IFRS in nationales Recht ist mittelfristig zu erwarten, dass auch im Einzelabschluss die IFRS – ggf. neben den HGB-Vorschriften – befreiend angewendet werden dürfen.

Wesentliche Vorteile aus der Anwendung der internationalen Rechnungslegung bieten sich Unternehmen somit kurzfristig insbesondere aus den Möglichkeiten zur Aufstellung eines nach international anerkannten Standards aufgestellten Konzernabschluss­es, zur Harmonisierung von internem und externem Rechnungswesen, zur Effizienzsteigerung des Controlling und zur Reduzierung von Kapitalkosten.

Internationaler Controller Verein (ICV), Gauting
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