Kooperationen und Fusionen haben oft einen zweifelhaften Ausgang – das vergangene Jahr hat diese Erfahrung deutlich untermauert. Relativ unspektakulär haben die branchenorientierte GUS Group in Köln und der Spezialist für das Rechnungswesen, die K+H Software aus Germering, eine Zusammenarbeit bei Marketing, Vertrieb und Produktentwicklung vereinbart. GUS-Vertriebschef Peter Linz und K+H Komplementär Arne Claßen sprachen mit Michael Wirt über die Gründe dieser Zusammenarbeit.

Michael Wirt:

K+H und die GUS Group haben Ende 2002 eine Kooperation vereinbart. Was sind die Ziele?

Arne Claßen, Komplementär der K+H

Arne Claßen:

Unser Ziel ist es, sowohl vertrieblich als auch im Marketing enger zusammenzuarbeiten. Beide Häuser haben – bezogen auf mittelständisch orientierte Lösungen für die IBM iSeries – eine gemeinsame Vergangenheit und teilen auch eine gemeinsame Perspektive zur weiteren Entwicklung. Und außerdem betreuen beide Unternehmen gemeinsame Kunden: GUS Group auf der ERP-Seite und K+H im Bereich Rechnungswesen. Diese Gemeinsamkeiten wollen wir jetzt ausbauen.

Nach außen hin wird dies in gemeinsamen Vertriebsaktivitäten deutlich – CeBIT-Auftritt, Infotage, Anwenderforen. Wir wollen so nicht nur Kosten teilen, sondern vor allem auch die Kundenbeziehungen gegenseitig nutzen. Wir erkennen deutlich, dass wir dadurch gegenseitig die Marktposition weiter stärken und speziell auch die Verbreitung der K+H-Lösungen auf die Branchensegmente der GUS Group im Bereich Life Sciences und Logistik ausweiten können. Die Branchenschwerpunkte unserer mehr als 200 Kunden liegen in den Bereichen Pharma, Spedition, Maschinenbau, Entsorgung und Fertigung – weisen also eine hohe Deckungsrate mit den Zielgruppen der GUS Group auf.

Voraussetzung dafür ist aber, dass wir auch gemeinsame Entwicklungsziele verfolgen. So wurde der Schwerpunkt in der Zusammenarbeit von Beginn an nicht auf ein großes Vertragswerk, sondern auf die Integration der Lösungen gelegt und somit ein verbesserter Nutzen für die Kunden geschaffen.

Peter Linz, Vetriebschef der GUS

Peter Linz:

Die GUS Group vervollständigt das chargenorientierte Informationssystem Charisma mit den Lösungen von K+H für den gesamten Bereich Rechnungswesen. Wir haben die Integration zwischen beiden Systemen bereits so weit vorangetrieben, dass sowohl die ERP-Lösung als auch der Finanzteil auf einer gemeinsamen Datenbasis aufsetzen – eine redundante Datenhaltung ist also vermieden. Wir haben uns darauf verständigt, dass die GUS Group K+H Finanz als integrales Charisma-Modul anbieten kann.

Michael Wirt:

Heißt das, wer sich künftig für Charisma entscheidet, muss sich auch für K+H entscheiden?

Peter Linz:

Die GUS Group hat immer den Standpunkt vertreten, sich auf die wertschöpfenden Prozesse im Unternehmen zu konzentrieren und im Bereich Rechnungswesen mit denen zusammenzuarbeiten, die hier jahrzehntelange Erfahrung vorweisen können.

Unsere Lösung ist aber seit annähernd 20 Jahren auf dem Markt – und arbeitet dort mit praktisch allen Finanzbuchhaltungen zusammen, die auf der iSeries Rang und Namen haben. Diese Offenheit werden wir auch beibehalten. Das bedeutet: Weder unsere Bestandskunden müssen wechseln, noch ist für Neukunden K+H die einzige Alternative. Das heißt, wir werden unsere bewährte Zusammenarbeit mit anderen Anbietern – zum Beispiel DCW – auf Projektebene weiter fortsetzen, wenn der Kunde sich so entscheidet. Aber uns war und ist es wichtig, die ERP-Lösung Charisma durch eine eigene, voll integrierte Lösung zu vervollständigen. Dabei haben wir nach einer Partnerlösung gesucht, weil damit zugleich die Expertise im Rechnungswesen vorhanden ist und die sehr gute Marktposition bereits etabliert ist. Neben diesen Punkten sprach für K+H aber vor allem der hoch entwickelte Integrationsansatz und die gemeinsame Entwicklungsperspektive.

Arne Claßen:

Auch für uns bedeutet die Partnerschaft mit der GUS Group keine Absage an die Offenheit gegenüber anderen ERP-Lösungen. In Branchen, in denen die GUS Group nicht aktiv ist, verfügen wir ebenfalls über eine große Zahl erfolgreicher Integrationsprojekte. Im Übrigen soll nicht unerwähnt bleiben, dass wir ja auch mit der SOU Systemhaus GmbH & Co. KG eine bestehende und erfolgreiche Partnerschaft betreiben, in der unser Rechnungswesen in das Produkt sou.MatriXX integriert ist. Aber die Integration mit Charisma geht tiefer. Deshalb hat sich K+H auch entschieden, der GUS Open Solution-Architektur zu folgen.

Michael Wirt:

Wie sieht diese Integration technisch aus?

Arne Claßen:

Die datentechnische Integration mit Charisma ist bereits abgeschlossen und verfügbar. Eine redundante Datenhaltung besteht nicht, da die Finanzbuchhaltung über APIs auf die in Charisma vorgehaltenen Stammdaten zugreift (und vice versa). Es werden also weder Daten doppelt gepflegt noch bestehen Medienbrüche.

Ein weiteres Beispiel ist unser Produkt Finance Intelligence für das Controlling. Mit diesem OLAP-Tool können im Browser detaillierte Analyen über offene Posten und Kostenstellen vorgenommen werden, die wir direkt aus K+H Finanz generieren. Dieses Analysewerkzeug haben wir auch auf Charisma ausgedehnt: So können jetzt die Umsätze im Vertriebs-Modul nach Region, Kunden, Vertriebsbeauftragten oder Produkten analysiert werden. Die damit verbundenen Drill-Down-Funktionen stehen auch hier zur Verfügung – unabhängig davon, ob die Daten nun aus K+H Finanz oder Charisma kommen.

Übrigens erlaubt die offene Architektur von Finance Intelligence auch die Übernahme von Daten aus Drittanwendungen – zum Beispiel einer fremden Finanzlösung.

Peter Linz:

Finance Intelligence passt optimal zu unserem Portal-Ansatz als eine Säule der GUS Open Solution-Architektur. Wir entwickeln aufbauend auf Daten und Funktionen von Charisma browserbasierte Sichten auf die Geschäftsvorfälle, die sowohl interne Managementinformationen erzeugen als auch unternehmensübergreifende Geschäftsprozesse im Sinne der Supply Chain und der Customer Relationship abdecken. Bereits heute haben wir GUS OS-Portale für Managementinformationen, Lagerdisposition, für den Außendienst, für Lieferanten und Kunden – und mit Finance Intelligence auch für das Controlling.

Die Zielsetzung der GUS Open Solution-Architektur geht jedoch weit darüber hinaus, browserbasierte Views für mehr Transparenz bei der Überwachung von Geschäftsprozessen zu schaffen. GUS OS ergänzt sukzessive Charisma um zusätzliche Funktionen. GUS OS-Module sind in Java entwickelt und somit plattformunabhängig. Sie werden auf dem Server installiert und benötigen beim Client lediglich einen Browser. Damit reduzieren wir einerseits deutlich die Implementierungskosten und schaffen andererseits verbesserte Einsatzmöglichkeiten in dezentralen Organisationen – ob in der Zentrale, in der Niederlassung, bei externen Partnern oder im mobilen Außendienst. Der geschützte und abgesicherte Zugriff über GUS OS-Module auf Charisma verlangt lediglich einen Browser und einen Internetzugang.

Dazu haben wir vier Basisfunktionen entwickelt, die bei der Generierung neuer GUS OS-Funktionen wesentliche Dienste leisten. Erstens ist hier der GUS OS-Security Layer zu sehen, der die komplette Authentifizierung der Benutzer übernimmt und damit den unerlaubten Zugriff auf Funktionen verhindert. Zweitens haben wir mit dem Java-Generator GUS OS-JDBV ein Entwicklungswerkzeug entwickelt, das auf bestehenden Datenmodellen – zum Beispiel von Charisma oder K+H Finanz – aufsetzt und Java-Dialoge im Browser erzeugt. Und drittens sind wir in der Lage, mit der Workflow Engine für jede neue Funktion einen dynamischen Workflow zu hinterlegen, der Aufgaben auf Benutzer und Benutzergruppen verteilt und damit arbeitsteilige, organisationsübergreifende Geschäftsprozesse verwaltet. Und schließlich generieren wir, wo dies sinnvoll ist, eine komplette, validierungssichere Dokumentation der Geschäftsprozesse einschließlich Electronic Record und Electronic Signature, wie dies vor allem bei unseren Kunden aus den Life Sciences-Industrien gefordert ist.

Diese Architektur dehnen wir jetzt auch auf das Rechnungswesen aus.

Michael Wirt:

Gibt es dazu einen Zeitplan?

Arne Claßen:

Zunächst einmal haben wir die Integration beider Lösungen in der klassischen Green Screen-Variante vollendet. Auf dieser Basis verfolgen wir übrigens gemeinsam die Umsetzung der bestehenden iSeries-Lösungen in Browser-Oberflächen mit Hilfe von IBM WebFacing oder HATS. Auch dieser Schritt ist zur CeBIT 2003 abgeschlossen worden.

Jetzt starten wir mit der Umsetzung der GUS OS-Architektur, wobei wir als ersten Kandidaten die Anlagenbuchhaltung ausgewählt haben. Wir zeigen erste Ergebnisse dazu bereits auf der Midrange Welt in Karlsruhe.

In diesem Projekt sammeln wir die Erfahrungen im Umgang mit GUS OS-JDBV. Wir gehen davon aus, dass wir über den Sommer hinweg dann die größeren Module im K+H-Rechnungswesen in Angriff nehmen. Mit einer vollständigen Verfügbarkeit von Java-Oberflächen für unsere Lösungen rechnen wir bis zum Ende des Jahres.

Peter Linz:

Parallel dazu verfolgt die GUS Group ihre GUS OS-Strategie weiter. Unser primäres Ziel ist es, auf der Basis des bewährten ERP-Systems Charisma Zusatzfunktionen – insbesondere im für unsere Kunden vitalen Bereich des Qualitätsmanagements – anzubieten. Und hier haben wir inzwischen ein hohes Entwicklungstempo vorgelegt: Das begann im Spätsommer 2002 mit der Verfügbarkeit unseres Laborinformationssystems GUS OS-Labor. Im Herbst kam die Suite zur Validierung hinzu. Zur CeBIT haben wir jetzt mit dem GUS OS-Produktpass eine Lösung für das Product Life Cycle Management in der Prozessindustrie und mit GUS OS-Recall eine Lösung für die Chargenrückverfolgung und Chargenrückrufe entlang der Wertschöpfungskette hinzugefügt. Gleichzeitig haben wir die Forderungen der Food and Drug Association (FDA) zu Electronic Signature und Electronic Record – die so genannte 21 CFR Part 11 Compliancy – implementiert. Parallel dazu wurden die GUS OS-Portallösungen für CRM und SCM ausgebaut. Und jetzt – gemeinsam mit K+H entsteht das Modul GUS OS-Finanz. Alle diese Lösungen verbessern unsere Marktstellung mit Charisma.

Arne Claßen:

Auch unabhängig von Integrationslösungen mit Charisma sehen wir Vorteile bei der Entwicklung einer Java-basierten Finanzlösung aus dem Hause K+H. Neben der Plattformunabhängigkeit, die uns eine deutliche Ausweitung unseres Marktpotenzials bringen wird, erwarten wir eine klare Verbesserung der Akzeptanz bei den Anwendern – und Technologievorsprung wird eben nicht nur in den Funktionen, sondern auch in der Oberfläche sichtbar.

Übrigens profitieren wir von weiteren Synergien. K+H ist bereits heute international ausgerichtet. Wir erwarten, dass uns die GUS OS-Architektur hier eine weitere Verbesserung der Wettbewerbssituation auch im internationalen Maßstab eröffnet. Immer mehr mittelständische Unternehmen mit Stammsitz in Deutschland benötigen für ihre ausländischen Niederlassungen Finanzlösungen, die den dortigen gesetzlichen Bedingungen folgen. Das können wir bereits heute leisten, wollen dies aber in Zukunft noch stärker auch vertrieblich angehen.

Und nicht zuletzt nutzen wir die Ressourcen der GUS Group als IBM Premier Partner, um optimale Hardwareangebote für unsere Kunden zu ermöglichen.

GUS Group AG & Co. KG

D–50968 Köln

Telefon: (+49) 0221/376 59-0

www.gus-group.com

K+H Software Kantioler KG

D-82110 Germering

Telefon: (+49) 089/894 410-0

www.kh-software.de