Die Herstellung von komplexen Produktionsanlagen erfordert eine besondere Konfiguration der Unternehmenssoftware. Das trifft auch auf R/3-Anwender Bosch VT-ATMO zu, den Sondermaschinenbau der Robert Bosch GmbH in Stuttgart-Feuerbach: Nach dem Umstieg von SAP R/2 auf R/3 werden Stücklisten unmittelbar aus der Projektstruktur abgeleitet; beim Einfügen von Neuteilen werden automatisch neue Materialstämme generiert. Die Robert Bosch GmbH hat sich konzernweit für SAP R/3 als Standardsoftware entschieden. Auch der Bosch-interne Lieferant für Sondermaschinen, der Produktbereich VT-ATMO, ist im Juni 2002 auf die aktuelle Version (4.6c) des Walldorfer Systems umgestiegen. Die Vorbereitungen hierzu begannen im Januar 2001. Bosch hat eine lange Tradition im Maschinen- und Anlagenbau, die bis in das Jahr 1903 zurückreicht. Speziell der Bau von Montage- und Prüfanlagen zur Fertigung der Bosch-Produkte findet im eigenen Hause statt. Diese Strategie stellt sicher, dass das Kern-Know-how im Unternehmen bleibt und Wettbewerbsvorteile bei sensiblen Produkten geschützt werden. Ein Outsourcing der Konzeption und des Baus von Produktionsanlagen bedeutet unter Umständen eine Weitergabe des Produkt-Know-hows. Innerhalb der Bosch-Gruppe hat der Sondermaschinenbereich VT-ATMO eher mittelständischen Charakter.

Einzelfertiger mit besonders komplexen Anforderungen

Aufgrund der Kapazitätslage der Bosch-internen IT-Abteilung entschied man sich in Feuerbach im Herbst 2000, den R/3-Umstieg mit Unterstützung eines externen Dienstleisters in Angriff zu nehmen. Die Wahl fiel auf das Schweizer SAP-Beratungshaus SLI Consulting AG, Frauenfeld.

Die zentrale Aufgabe der Projektmitarbeiter und des Beraterteams bestand darin, den R/3-Standard mit den speziellen Anforderungen des Einzel- und Projektfertigers in Einklang zu bringen, um eine effizientere Abwicklung der Prozesse zu erreichen als dies unter R/2 der Fall war. Daneben wurde die mechanische Stückliste im SAP eingeführt und die so genannte Materialnummer “0” (reine Textposition) abgeschafft. “Dies war keine Kleinigkeit”, meint Projektleiter Norbert Sievers, “denn zum einen ist SAP meiner Meinung nach mehr für Serienfertiger als für Einzelfertiger geeignet, zum anderen waren unsere Anforderungen besonders komplex.” Es gibt kaum ein deutlicheres Zeichen für die Schwierigkeit, eine Standardsoftware auf die Bedürfnisse des Unternehmens anzupassen, als die Zahl der im Lauf der Jahre hinzugekommenen Zusatzprogramme. Bei VT-ATMO waren zu R/2-Zeiten rund 800 Z-Programme in Gebrauch, nach dem Umstieg auf R/3 und der besseren Anpassung an die Prozesse reduzierte sich die Zahl auf rund 150, und dies trotz Ausweitung der Funktionalitäten.

Cockpit unterstützt Beschaffung

Eine Vielzahl von verschiedenen Standardtabellen und Anzeigen konnten im Bereich der Beschaffung durch Programmierung eines Beschaffungscockpits abgelöst werden. Dieses Cockpit bündelt nun in einer einzigen Sicht den Beschaffungsstand. “Wir konnten es unseren Beschaffern nicht zumuten, sich durch eine Fülle von Masken durchhangeln zu müssen”, erklärt der Projektleiter. Zum einen konnte so die nötige Effizienz und Robustheit des Prozesses erreicht, zum anderen konnte die drastisch gestiegene Komplexität abgefangen werden.

Ein herausragendes Highlight stellt die neu programmierte Stücklistenoberfläche dar, in die eine große Anzahl komplexer, weil ineinandergreifender Funktionen aufgenommen wurde. Die Stücklisten wurden früher in einer Access-Datenbank verwaltet. Die Beschaffung musste für das Erstellen von Anfragen und Bestellanforderungen die Stücklistenpositionen nochmals manuell erfassen. Die neue Oberfläche bietet eine große Arbeitserleichterung. Daneben werden im hohen Maße die Standardisierungsbestrebungen unterstützt. Beim Einfügen von neuen Einzelteilen oder Baugruppen wird automatisch ein dispositionsfähiger Materialstamm angelegt. Dieser Vorgang läuft im Hintergrund ab, ohne dass der Mitarbeiter etwas davon merkt. Zur effizienten Suche von vorhandenen Katalogteilen oder Standardbaugruppen wurden die vielen SAP-Standardsuchmasken durch eine optimierte Eigenentwicklung mit drei Suchsichten ersetzt.

Der Aufbau der Stationsstücklisten selbst erfolgt automatisiert, abgeleitet aus der Projektstruktur. Der Konstrukteur findet dementsprechend die nötigen Rahmenbedingungen bei Konstruktionsbeginn vor und kann direkt mit der Anlage und Ausgestaltung der Baugruppen-Stücklisten beginnen. Zunächst wird außerhalb von SAP die Projektkalkulation durchgeführt. Ein selbst entwickeltes Schnittstellenprogramm baut eine Baumstruktur der Kostenelemente (PSP-Elemente) des Projekts auf und übermittelt die Daten an SAP. Aus dieser Kostenstruktur werden mit einem weiteren Programm die Anlagenstückliste, Stationsstücklisten und die entsprechend benötigten Materialstämme und Stücklistenköpfe generiert. Mit der so erreichten Deckungsgleichheit von Stücklisten und Projektstruktur werden Fehler vermieden und die Effizienz gesteigert.

Komfortable Einfügefunktionen unterstützen den Konstrukteur bei der Konzeption seiner Anlage. Baugruppen können beispielsweise technisch identisch oder als Varianten eingefügt werden. “Last but not least” erlaubt die Stücklistenoberfläche eine schnelle Verwendung der Daten für weitere Reports, zum Beispiel für Ersatz- und Verschleißteilstücklisten als Grundlage- für entsprechende Kundenangebote.

Automatische Anlage von Materialstämmen

Hinter dem Bau von Sondermaschinen steckt viel Konstruktionsarbeit, daher sind für Bosch in Feuerbach auch externe Konstruktionsbüros tätig. Diese Büros sind über den Windows-Transaction-Server (WTS) online an SAP angebunden. Die externen Konstrukteure verfügen über die gleichen Sichten und Funktionen, jedoch mit der Einschränkung, keine Beschaffung für die Stücklisten auslösen zu können. Dies kann aus Kontrollgründen nur der interne Konstrukteur.

Mit dem R/3-Umstieg wurden auch Lösungen, die bereits zu R/2-Zeiten eingeführt wurden, weiter verbessert. Z.B. konnten durch Installation eines Scannersystems die Abläufe wesentlich effizienter gestaltet werden. Früher kam es nicht selten vor, dass man das Material für eine zu montierende Baugruppe suchen musste. Es war bekannt, dass das Material bereits im Hause war, nur wo es verblieben war, war unklar. Heute werden im Wareneingang mittels Barcode-Aufkleber und Funkscanner die Materialdaten erfasst. Im weiteren Verlauf des Materialflusses wird das Material immer wieder gescannt und entsprechenden Lagerplätzen zugewiesen. Ein “Lagerplatz” kann auch ein Mitarbeiter sein, der sich das Material z.B. zu Konstruktionszwecken ausleiht.

“SLI hat unsere komplexen Anforderungen erfolgreich umgesetzt”, so das Fazit von Norbert Sievers. Doch ein Projekt ist erst dann erfolgreich abgeschlossen, wenn die Mitarbeiter mit den neuen Tools zurechtkommen. Daher war das Team aus Bosch-Fachleuten und den SAP-Spezialisten des Schweizer Consulting-Unternehmens nochmals gefordert, geeignete Schulungsunterlagen zu erstellen. Bosch legte viel Wert auf eine intensive Schulung der Mitarbeiter. “Wir hatten rund 120.000 Seiten Schulungsunterlagen prozessbezogen zusammengestellt”, erklärt der Projektverantwortliche, “die Seminarteilnehmer verteilten sich auf 30 unterschiedliche, prozessbezogene Kurse.” Das heisst, jeder Mitarbeiter wurde in seinem Aufgabenbereich speziell geschult. “Eine Schulung nach ‚Kochbuchrezept’”, meint Norbert Sievers.

“Der größte Schritt war die Einführung der mechanischen Stückliste. Eine benutzerfreundliche Oberfläche zu schaffen, war wesentliche Voraussetzung für die Akzeptanz des Systems durch die Ingenieure in der Mechanikkonstruktion. Dies ist uns gemeinsam mit SLI gut gelungen. R/3 stützt nun als integriertes System unsere Aktivitäten auf dem Gebiet der Standardisierung und trägt zur Verkürzung von Durchlaufzeiten und zur Verbesserung der Datenqualität bei”, so Gabriele Reich-Gutjahr, kaufmännische Leiterin.

SLI Consulting AG

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